ANDI-Studie: Tagesklinik kann vorteilhaft für Magersüchtige sein

Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland – etwa 0,5 bis 1 Prozent – sind magersüchtig. Meist sind es Mädchen und junge Frauen. Das mag im Vergleich zum Übergewicht – über 50 Prozent der Deutschen sind zu dick – gar nicht so dramatisch klingen. Hinter jeder Magersucht (Anorexia nervosa) verbirgt sich aber ein Einzelschicksal, das sehr wohl dramatisch ist. In circa 8 Prozent aller Fälle endet es sogar tödlich. So wäre es fast auch Christina Helmis ergangen, die ihre Essstörung jahrelang geschickt vor Familie und Freunden verborgen hatte, bis es fast zu spät war. Als sie die Krankheit endlich besiegt hat, schreibt sie ein Buch und geht damit an die Öffentlichkeit. Damit gibt sie allen, die sich für das Thema interessieren, ihre ganz persönliche Antwort auf die Frage „wie konnte es dazu kommen?“

Magersüchtige, die so dünn geworden sind wie Christina (33 kg bei 1,73 m), können nicht mehr ambulant behandelt werden. Zu groß ist das Risiko, an der Krankheit zu sterben. Sie kommen daher in der Regel stationär in eine Fachklinik; im Schnitt vier Monate lang. Besonders für junge Mädchen ist so eine lange Trennung von Familie und Freunden aber extrem hart. Und obwohl sie nach der Klinik ambulant mit Ärzten und Therapeuten weiterarbeiten, werden etwa 25 bis 30 Prozent wieder rückfällig. Auch Christina gehörte dazu.

ANDI-Studie spricht für teilstationäre Therapie der Magersucht

Wissenschaftler suchen daher schon lange nach Alternativen. Eine davon könnte die Therapie in einer Tagesklinik sein, bei der die Patientinnen tagsüber in der Klinik sind und nachts und am Wochenende zu Hause. Nun wurde erstmals in einer großen klinischen Studie namens ANDI (Treatment of childhood and adolescent anorexia nervosa – day treatment vs. inpatient treatment) an der Uniklinik Aachen untersucht, ob dieser Weg der vollstationären Therapie ebenbürtig ist. Das Ergebnis: Die Patientinnen, die zwischendurch nach Hause durften, hatten genauso gut zugenommen und ihr Gewicht gehalten, wie die Patientinnen in der vollstationären Gruppe. Außerdem kostete die erste Variante etwa 20 Prozent weniger.

Richtig essen lernen und Freundschaften pflegen

Die Studienleiterin Professor Beate Herpertz-Dahlmann sieht aber noch weitere Vorteile: „Die Patienten können die erlernten Fähigkeiten besser auf ihr häusliches Umfeld übertragen. Das heißt konkret, das Essen ausreichend zu portionieren und nicht nur kalorienarme Lebensmittel wie Obst und Gemüse auszuwählen“, sagte sie in einem Interview, das ich für die DGE info, eine Fachinformation der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V., mit ihr geführt habe*. „Ein weiterer Aspekt sind die sozialen Kontakte. An den Abenden und Wochenenden haben die Patienten nach der Tagesklinik noch genug Zeit, sich mit Freunden zu treffen. Das ist sehr wichtig, denn magersüchtige Jugendliche haben auf diesem Feld oft ohnehin Probleme“, betont Herpertz-Dahlmann.

Bisher gibt es in Deutschland nur wenige Kliniken, die Magersucht nach dem Modell aus Aachen behandeln. Nach den vielversprechenden Ergebnissen der ANDI-Studie dürften es aber vermutlich nach und nach mehr werden. Herpertz-Dahlmann rät den Betroffenen, in einer Fachklinik vor Ort nachzufragen, ob dort eine solche Behandlung möglich ist.

Weitere Informationen zur ANDI-Studie liefert auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Hintergundberichte und Materialien zu Magersucht und anderen Essstörungen gibt es bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) e. V.

*Quelle: Anorexia nervosa – Aachener Studie spricht für Therapie in der Tagesklinik, DGE info 06/2014