Der Weg ist das Ziel: Achtsamer essen lernen

Achtsam die Natur genießen
Achtsam die Natur genießen

Achtsamkeit – dieses Schlagwort kursiert seit einigen Jahren in den Medien. Jetzt war „Essen mit Körper, Herz und Verstand – Achtsamkeit in der Ernährung“  Thema des 19. aid-Forums. Dabei ging es natürlich um wissenschaftliche Zusammenhänge und auch darum, wie sich Achtsamkeit in der Ernährungstherapie einsetzen lässt. Es ging aber auch überraschend konkret um viele praktische Tipps für den Alltag, wie jeder für sich „ein bisschen achtsamer“ werden kann, ohne gleich das komplette Konzept mit Meditation und allem Drum und Dran zu erlernen.

Was bedeutet Achtsamkeit?

Die achtsame Lebensweise ist ursprünglich ein Bestandteil der buddhistischen Meditationen. Vater der modernen Achtsamkeitspraxis für die westliche Welt ist John Kabat-Zinn. Er entwickelte Ende der 70er Jahre das medizinische Achtsamkeitstraining MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction). Es wird von speziell geschulten Psychotherapeuten eingesetzt, zum Beispiel zur Therapie von Depressionen, Schmerzen oder Essstörungen und Übergewicht.

Doch auch, wer einigermaßen gesund ist, sich aber trotzdem gestresst oder überfordert fühlt, kann von einer achtsamen Lebensweise profitieren. Sie soll uns aus dem Hamsterrad von Stress und Hektik, Informationsflut und Multitasking befreien. Und sie soll uns auf uns selbst besinnen, das Gefühl wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Das erreicht man dadurch, indem man die Aufmerksamkeit ganz auf den Moment lenkt, anstatt Vergangenem nachzusinnen oder über die Zukunft zu grübeln. Wer das geschafft hat – zum Beispiel durch Meditationsübungen oder Body Scan – muss noch eine zweite Herausforderung meistern, nämlich den Moment komplett wertfrei erleben.

Das bedeutet übertragen auf das Essen und Trinken: Ich schmecke das Stück Kuchen ganz bewusst, spüre, wie es sich in meinem Mund anfühlt und langsam den Bauch füllt. Dabei denke ich nicht über den Streit am Morgen nach oder überlege, was ich heute Abend koche. Und vor allem mache ich mir keine Gedanken darüber, ob ein Käsebrot nicht vielleicht die gesündere Alternative gewesen wäre. Das zu schaffen, ist extrem schwierig. Weil wir es einfach anders gewohnt sind. Wir essen nebenbei, wir lassen uns am kalten Buffet nicht von Hunger und Sättigung leiten, sondern überfressen uns im schlimmsten Fall an den vielen leckeren Sachen. Wir essen nicht, bis wir satt sind, sondern bis der Teller leer ist…

Wer das mit der Achtsamkeit von der Pike auf lernen möchte, braucht viel Geduld, Übung und am besten eine Anleitung durch Profis. Deswegen gibt es auch spezialisierte Trainer bzw. Therapeuten, die Seminare oder mehrwöchige Kurse anbieten. Infos dazu finden sich z. B. beim zugehörigen Verband. Doch auch, wenn „ein bischen achtsamer sein“ wenig mit dem hohen Anspruch des Gesamtkonzepts zu tun hat, hat diese Idee eine gewisse Berechtigung. Dadurch ändere ich zwar nicht komplett meine Geisteshaltung, komm aber vielleicht Schritt für Schritt ein wenig zur inneren Ruhe.

Das Essen bietet sich für Achtsamkeitsübungen geradezu an

Das betonten auch die ReferentInnen auf dem aid-Forum. Und sie rieten übereinstimmend dazu, als erstes einfach hin und wieder mal bewusst tief ein- und auszuatmen. So banal das klingt, so effektiv kann das sein. Außerdem bietet sich besonders das Essen an, Achtsamkeit zu üben. Schließlich isst (und trinkt) jeder mehrmals am Tag. Die Achtsamkeitsexpertin Jutta Bollwein erklärte daher ganz praktisch, wie die Kommunikation zwischen Körper und Teller gelingt. Besonders gefallen haben mir ihre konkreten Alltagsübungen am Teller, z. B.

Riechen Sie am Lebensmittel, um zu entscheiden, ob sie es essen bzw. trinken wollen.

Atmen Sie vor Beginn der Mahlzeit drei Mal in Ruhe durch.

Essen Sie nur, was Ihnen schmeckt.

Essen Sie ohne Ablenkung durch Fernseher, Computer, Zeitung oder ähnliches.

Versuchen Sie, nach jedem Bissen das Besteck abzulegen.

Prüfen Sie, ob Sie sich nach dem Essen wohlig und zufrieden fühlen oder ob Ihnen etwas fehlt.

Diese Empfehlungen sind viel anspruchsvoller als es auf den ersten Blick scheint. Außerdem wäre es utopisch, sie ständig befolgen zu wollen. Das muss man auch gar nicht. Aber hin und wieder mal ausprobieren wäre ja schon ein erster Schritt – auch in Richtung genießen lernen.

Genuss und Achtsamkeit sind nicht dasselbe

Denn Genuss und Achtsamkeit hängen zwar eng zusammenhängen, sind aber nicht dasselbe: Bei der Achtsamkeit muss man sich im ersten Schritt selbst bewusst werden und kann dann schauen, was los ist. Ich versuche also, das Stück Kuchen mit allen Sinnen zu essen und spüre in mich hinein, was der Kuchen mit mir macht, wie er sich in meinem Mund und dann in meinem Bauch anfühlt. Das kann z. B. über Mediationen lernen, wer es ganz richtig machen möchte. Oder zumindest ansatzweise durch solche Alltagsübungen am Teller.

Beim Genuss geht es darum, herauszufinden, womit ich mich glücklich machen kann (Kuchen oder Spaziergang?). Und dass ich mir dieses Genießen auch erlaube und nicht etwa ein schlechtes Gewissen dabei habe oder mir den Genuss viel zu selten im Sinne von „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ gönne. Wer damit Schwierigkeiten hat, kann ein spezielles Genusstraining absolvieren, bei dem dann wiederum die Achtsamkeit und ein regelrechtes Feintuning der Sinne eine Rolle spielen. Solche Trainings bietet z. B. die Oecotrophologin und Genusstrainerin Jutta Kamensky an. Doch auch ohne Kurs kann man Genießen lernen. Dazu gilt es, die Sinne auf Empfang für alle noch so kleinen Genussquellen zu stellen. Die lauern laut Kamensky nämlich überall:

der Duft von frischem Kaffee

ein leuchtender Regenbogen

Rascheln von Herbstlaub

ein innerer Schulterklopfer

ein frisch bezogenes Bett

bequeme Schuhe

Eine gute Anleitung zum Genusstraining im Alltag gibt es auch im Buch „Mut zum Genuss“ von Marlies Gruber, das ich neulich schon vorgestellt habe. Viele schöne Übungen zur Achtsamkeit beim Kochen liefert Susanne Seethaler in ihrem Buch „Vom Glück, mit Liebe zu kochen“. Da wird z. B. das Kneten von Pizzateig zu einem Erlebnis für alle Sinne.