Rösti mit Spiegelei

Röstigraben und Weißwurstäquator – Ernährungsgewohnheiten von Schweizern und Deutschen

Mein letzter Blogpost vor Weihnachten ist ein Gastbeitrag von Melanie Loessner aus der Schweiz – entstanden beim Blogwichteln des Texttreff – dem Netzwerk wortstarker Frauen. Der eigentlichen Herausforderung, nämlich fachfremd zum Beispiel etwas für einen Reise- oder Übersetzerblog zu schreiben, mussten wir zwei uns allerdings nicht stellen; das Los hat anders entschieden: Melanie ist wie ich Ernährungswissenschaftlerin und in Sachen Text und PR unterwegs. Wie sich Schweizer und Deutsche beim Essen unterscheiden, verrät sie heute auf meinem Blog:

Meine Familie und ich leben gerne in der Schweiz und fühlen uns hier sehr wohl – schon seit mehr als 14 Jahren. Und wir essen hier auch gut und gerne. Als „ausländische Zuzügler“ im Dauerstatus und zeitgleich als aufmerksame Ernährungswissenschaftlerin fallen mir aber nach dieser langen Zeit immer noch Dinge auf, die anders sind. Oder aber wir vermissen Lebensmittel aus der „alten“ Heimat. Gibt es also tatsächlich eine „Swissness“ in Sachen Essen und Ernährung?

Rösti, Raclette, Fondue, Birchermüsli und Schoggi?

Um es gleich vorweg zu sagen: So wie die verschiedenen Regionen Deutschlands ist auch die Schweiz alles andere als „homogen“ bezüglich ihrer Ernährungsgewohnheiten. Das Phänomen des sogenannten „Röstigrabens“ verläuft irgendwo entlang der Sprachgrenze der Schweiz und wird außer bei unterschiedlich verlaufenden Abstimmungsergebnissen an der Urne gerne für den kulinarischen Vergleich des biertrinkenden Deutschschweizers und des weinschlürfenden „Romands“ verwendet. Ganz analog also zum berühmt-berüchtigten Weißwurstäquator – eine scherzhafte Bezeichnung für eine gedachte Kulturgrenze, die für einen traditionellen Münchner immerhin die Grenze des guten Geschmacks markiert.

Teures Pflaster

Unbestritten: Essen in der Schweiz ist teuer! Das gilt nicht nur für die saftigen Restaurant-Rechnungen, sondern auch für den täglichen Einkauf im Supermarkt. Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz zahlen die höchsten Preise für Konsumgüter und Dienstleistungen Europas.  Die Preise für Nahrungsmittel lagen 2016 in der Schweiz 73% über dem europäischen Mittel.

Kein Wunder, dass Deutschland als grenznahes Nachbarland viele Schweizer mit relativ günstigen Lebensmittelpreisen zum Einkaufstourismus lockt. Das Einkaufen in Deutschland hat sich zum familientauglichen Breitensport entwickelt. Aber natürlich sind auch die Löhne und Gehälter hier deutlich höher und das Angebot ist durchgängig von hoher Qualität.

Fett, Zucker und Kalorien

Als Grundlage für Beobachtungen dient hier die nationale Ernährungserhebung menuCH für die im Zeitraum von Januar 2014 bis Februar 2015 rund 2000 Personen (Männer und Frauen im Alter von 18 bis 75 Jahren) befragt wurden. Wie auch die meisten anderen Industrieländer stellt die Schweiz bezüglich ihrer Ernährungsgewohnheiten keine Ausnahme dar. Fazit: Zu viele Kalorien, zu viel Fett und Zucker.

Herr und Frau Schweizer konsumieren beispielsweise durchschnittlich rund 50 kg Fleisch pro Jahr, dies entspricht 780 g Fleisch und Wurstwaren pro Woche, die hiesige Empfehlung liegt bei lediglich 240 g wöchentlich. Im Vergleich zu Deutschland relativiert sich diese Zahl. Hier werden pro Jahr ca. 60 kg Fleisch- und Wurstwaren verzehrt.

Annähernd identisch sind hingegen die Mengen an Käse, die von Schweizern und Deutschen jährlich verzehrt werden. Mit rund 22 kg ist die Schweiz zwar die anerkannte Nation der Käseliebhaber. Mit knapp 24 kg jährlich werden sie aber von den Deutschen sogar knapp überholt.

Die Schweizer lieben Zucker, nur die Amerikaner essen mehr davon

Gemäß der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) belegt die Schweiz im Ländervergleich einen Spitzenplatz. Schon zum Frühstück essen die meisten Schweizer die von der WHO empfohlene Tagesmenge von 25 Gramm an zugesetztem Zucker. Deutschland liegt nur knapp dahinter.

Als „Schoggi-Nation“ ist man dem Süßen verpflichtet und steht auf Schokolade. Mit großen Namen wie Lindt & Sprüngli, Cailler oder Toblerone ist die Schweiz zwar das Land mit dem zweithöchsten Pro-Kopf -Verbrauch (11,1 kg/Jahr) in Europa – aber die Deutschen gönnen sich mit 11,5 kg noch ein kleines bisschen mehr vom süßen Kakaoprodukt.

Schokolade aus der Schweiz
Die Schweizer lieben Schokolade; die Deutschen naschen aber rein statistisch noch etwas mehr!

Jodmangelgebiet– zu weit weg vom Meer?

Alpenländer wie die Schweiz, die weit weg vom Meer liegen, weisen vergleichsweise geringe Jodvorkommen in den Böden auf – und somit sind auch die Kulturpflanzen jodarm. Schon vor langer Zeit führte dies dazu, dass besonders die Schweizer Bergbevölkerung in vielen Regionen unter Jodmangel litt. Ein Mangel an Jod führte zu einem Mangel an Schilddrüsenhormonen und hatte zur Folge, dass besonders viele Menschen an Kretinismus litten.

Als Pionierleistung und Gegenmaßnahme führte die Schweiz 1922 als erstes Land das jodierte Speisesalz ein. Der Jodstatus bestimmter Zielgruppen wird heute alle fünf Jahre anhand von nationalen Untersuchungen kontrolliert. Zwar gilt die Schweiz inzwischen nicht mehr als Jodmangelland, aber die Jodzufuhr reicht nach Einschätzung der Eidgenössischen Ernährungskommission
nur knapp aus und muss daher angepasst werden. Absolut vergleichbar ist dies zu der aktuellen Situation in Deutschland, obwohl hier zumindest manche Regionen deutlich näher am Meer liegen. Ob nah oder weit weg vom Meer macht hier offenbar keinen Unterschied.

Mehlwürmer in Schweizer Burgern

Es gibt aktuell noch eine andere Kategorie, in der die Schweiz essenstechnisch innerhalb Europas eine Vorreiterrolle einnimmt: Mit der Einführung des neuen Schweizer Lebensmittelrechts wurden seit Mai 2017 offiziell Züchtung und Verkauf von bestimmten Insekten als Lebensmittel legalisiert. Seit August 2017 gibt es Burger und sogenannte „meat balls“ in den Regalen einer Supermarktkette. Diese bestehen neben Mehlwürmern aus Reis, Karotten, Sellerie, Lauch, Kichererbsen, Zwiebeln, Knoblauch und Koriander. Die Schweiz ist somit Vorreiter für die EU, in der das Insektenessen noch in einer rechtlichen Grauzone steckt. In den meisten Ländern, darunter Deutschland, sind Insekten (noch) nicht als Lebensmittel zugelassen. Dies kann sich aber mit der neuen EU-Verordnung Anfang 2018 ändern.

Burger mit Insekten
In der Schweiz sind Insekten als Lebensmittel seit Mai 2017 zugelassen.

Lebensmittel, die du (heimlich) vermisst, wenn du als Deutsche(r) in der Schweiz lebst…

Wie eingangs erwähnt: Wir leben wirklich gerne in der Schweiz, aber manche Dinge gibt es einfach nicht zu kaufen, oder auch nur sehr schwierig und mit viel Aufwand im Spezialgeschäft: Schwarzbrot, Mettigel, Pommes „Schranke“, schwäbische Maultaschen, süßes Popcorn, Grafschafter Goldsaft, um nur einige Beispiele zu nennen. Diese gehören zwar zugegeben nicht zur Gruppe der Grundnahrungsmittel und sind für eine ausgewogene Ernährung nicht erforderlich, werden manchmal aber trotzdem vermisst.

O du Köstliche – zu Weihnachten

Es ist Winter- und bald auch Weihnachtszeit. Das bedeutet, dass bei Familie Schweizer und Kollegen der schmelzende Käse auf den Tisch kommt. Ganz gleich ob in Form von Fondue oder Raclette; gerade in der Adventszeit oder zu Weihnachten werden diese beiden traditionellen Gerichte gerne zelebriert. Alternativ gibt es „Fondue Chinoise“ (zu Deutsch: Fleischfondue in Brühe, nicht in Fett) – ein festliches Weihnachtsessen kommt ohne diesen Klassiker einfach nicht aus. Ungeschlagener Vorteil: Die Vorbereitung dafür ist einfach und man kann lange gemütlich zusammensitzen.

Der Deutschen liebstes Essen an Heiligabend, Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen, ist zugleich auch traditionsreich. Das karge Menü erinnert an den Ursprung des Heiligabends als Fastentag. Alternativ wird auch Karpfen serviert, ebenso mit Kartoffelsalat. Um den Weihnachtskarpfen ranken sich verschiedene Legenden: Wer eine Schuppe des Karpfens im Portemonnaie mit sich trägt, dem soll im kommenden Jahr Glück und Wohlstand garantiert sein.

Auf dem zweiten Platz rangieren Ente, Gans und Co.: Geflügel muss die Federn lassen und landet bei knapp einem Drittel der Deutschen als Teil des Festessens an einem der beiden Feiertage auf dem Teller. Eine einheitliche Weihnachtsspeise in dem Sinne gibt es aber nicht, sondern je nach Region bestehen immer noch unterschiedliche Traditionen, was das Essen am Heiligen Abend und an den folgenden Feiertagen angeht.

Was beide Nationen verbinden dürfte: Egal auf welcher Seite der Grenze, gegessen wird an den Feiertagen meist zu viel. Da sind die Unterschiede vermutlich nicht so groß.

In diesem Sinne: „En Guete“ und „Schöni Wiehnachtä und e guets Neus“!

Melanie Loessner

Dr. Melanie Loessner erstellt als Oecotrophologin mit ihrem Angebot von vitamintexte Texte, Konzepte und Projekte zu den Themen Ernährung, Lebensmittel und Gesundheit. Seit 2003 lebt sie mit ihrer Familie im Raum Zürich und verfasst auf ihrem Blog „Aufgegabelt“ wissenswerte und appetitlich aufgetischte Beiträge im Bereich Ernährungskommunikation.

Fotos: pixabay, essento