Texterin auf Abwegen: Scrollytelling zu nachhaltigen Forschungsprojekten

Texterin auf Abwegen: Scrollytelling zu nachhaltigen Forschungsprojekten

Mein Sommer 2020 war sehr arbeits- und lehrreich. Denn ich durfte Multimedia-Storys, auch Scrollytelling genannt, zu zehn Forschungsprojekten erstellen. Alle haben etwas mit der nachhaltigen Erzeugung von Lebensmitteln oder einer nachhaltigen Ernährung zu tun. Tolle Themen, aber eine wirklich neue Herausforderung für mich. Denn Multimedia-Storys gehörten bisher nicht zu meinem Repertoire.

Diese Aufgabe bescherte mir die Umwandlung des 4. BZfE-Forums in eine digitale Tagung. Daher musste zugleich ein würdiger Ersatz für die „Sonderausstellung Forschung“ her, auf der sich die Forscherteams normalerweise in der Godesberger Stadthalle präsentiert hätten. Doch dann kann Corona…

Ob mir der würdige Ersatz gelungen ist, müssen andere beurteilen. Mir hat es auf jeden Fall großen Spaß gemacht. Es war eine tolle Abwechslung zu meinen eigentlichen Tätigkeiten, bei denen das Schreiben meist im Vordergrund steht – auch wenn gleichzeitig die Hälfte meines Urlaubs dran glauben musste. Aber wir hatten und haben ja leider immer noch Corona und da ist man am heimischen Schreibtisch eh am besten aufgehoben.

Keine Angst vor neuen Aufgaben im richtigen Team

Doch eines der Projekte lockte mich schließlich vom Schreibtisch und den ganzen Planungs-, Abstimmungs- und Textaufgaben weg, denn es ist zufällig in Bonn zuhause. So nutzte ich die Gelegenheit, Anne Webert bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen und ein klein wenig zu assistieren.

Anne wurde mir als Profi für Fotos, Filme und Schnitt für sechs der zehn Projekte an die Seite gestellt, die kein eigenes Material hatten. Und da Anne nicht nur fotografieren und filmen kann, sondern eine sehr gute Geschichten-Erzählerin ist, Menschen aufmerksam zuhört und sich für nachhaltige Themen begeistert, rauften wir uns schnell zu einem flexiblen Dream-Team zusammen. Das war extrem wichtig, denn einige Geschichten mussten wir unter großem Zeitdruck gleichzeitig angehen. Und wir wussten vorher nicht immer genau, was Anne vor Ort vor die Linse bekommen würde.

Das Bonner Projekt als Lehrstück in Sachen Film und Flexibilität

Das galt auch für das Bonner Projekt Wir feiern gutes Essen vom Acker über den Teller bis zum Kompost! Der Kern dieser Kooperation von Stadt.Land.Markt. e. V. und der Biostadt Bonn ist eine Veranstaltungsreihe, die Bonner Bürgerinnen und Bürger über bio-regionale Wertschöpfungsketten informieren soll. Leider fielen einige der geplanten Veranstaltungen wie so vieles in diesem Jahr Corona zum Opfer oder wurden in den virtuellen Raum verlagert.

Die große Ernährungskonferenz fand gerade noch rechtzeitig im Februar statt, aber aus den Ökologischen Vernetzungscafés mit echtem Kaffee wurden Online-Mittagspausen. Und die Freitags-Picknicks im Grünen konnten erst nach unserer Deadline wie geplant stattfinden. Anlässe für wirklich starke Bilder und vor allem Videos fehlten also auf den ersten Blick. Doch davon leben solche Mini-Reportagen. Und ich muss gestehen, dass ich zusammen mit den Damen vom Projektteam zwar schnell einen roten Faden für unsere „Story“ und Ideen für Fotos und Szenen gefunden hatte, nachher aber vieles anders kam.

Dreh in der Bonner Altstadt …

Zwei Frauen in der Bonner Altstadt
Wenn sich jemand als Statistin zur Verfügung stellt, lässt man sich die Einverständniserklärung zur Verwendung des Materials schriftlich geben. (Foto: Anne Webert)

Unsere erste Station war der Bauernmarkt in der Bonner Altstadt. Dort wollten wir eigentlich einen Schwenk über den Markt aufnehmen, um den Bezug zu regionalen Lebensmitteln für die Stadt herzustellen. Der sollte dann als so genanntes Loop-Video den Hintergrund für einen kurzen Text meiner späteren Story abgeben. Für diesen Film waren aber wegen der Sommerferien zu wenige Stände da bzw. für unsere Zwecke nicht ideal auf dem Platz verteilt. Ich wurde direkt etwas nervös, Anne nicht. Sie hatte nämlich bald eine andere gute Idee, für die sie eine Marktbesucherin spontan als Statistin gewinnen konnte. Das Ergebnis seht ihr auf Seite 8 der Bonner Story unter dem Titel „Wie geht es weiter“.

 

Mein zweiter Lerneffekt beim Altstadt-Termin war, mich bei den Interviews brav und still im Hintergrund zu halten. Denn „Interview mit Kamera“ oder schriftlich sind wirklich zwei verschiedene Paar Schuhe. Was wir von unseren Protagonistinnen hören wollten, hatten wir natürlich vorher besprochen. Aber wie man seine Interviewpartner vor der Kamera aus der Reserve holt und zu knackigen – gerne auch etwas emotionalen – Statements motiviert, hatte ich im Gegensatz zu einer gestandenen Videojournalistin wie Anne bisher nicht gelernt.

… und Scrollytelling-Material hinterm Siebengebirge

Sehr spannend war es auch am nächsten Tag auf dem Hanfer Hof von Bernd Schmitz. Dort befragten wir einerseits Bauer Bernd. Der steckt als Bio-Landwirt und Medienprofi viel Zeit in die Aufklärung von Verbraucher*innen und bringt sich auch regelmäßig in das Bonner Projekt ein. Die Interviews waren daher schnell im Kasten und Bernd lieferte uns so viele, fast druckreife Aussagen, dass wir später ein anderes Problem hatten: Die Qual der Wahl.

Bei der Lösung solcher und anderer Probleme haben uns unsere vielen Treffen via Zoom geholfen. Denn darin erlaubte mir Anne zwecks Auswahl und der Absprache wichtiger Details einen Blick auf ihre Schnittsoftware. Meine Güte, ich hatte ja keine Ahnung, wie kompliziert das Schneiden von Film und das professionelle Finetuning ist.

Andererseits wollten wir auf dem Land einfach nur schöne Bilder und dekorative Szenen zur ökologischen Erzeugung einfangen. Ursprünglich dachten wir an Kühe – die sind ja bekanntlich sehr fotogen – und an ein paar Menschen bei der Arbeit auf dem Gemüseacker der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi).

Letztendlich verloren die Kühe gegen die Szene „Erntehelferinnen auf Gemüseacker“

Die Kühe schauten zwar erwartungsgemäß brav in die Kamera, aber als viel passender für die Geschichte entpuppten sich die Erntehelferinnen auf dem Gemüseacker. Und eine tolle Überraschung waren schließlich Mika und Nurcan, zwei Frauen die in ihrer Freizeit bei 30 Grad im Schatten den Fenchel für die Solawi-Mitglieder aus der Erde holten.

Warum Mika regelmäßig als Erntehelferin aktiv ist und Nurcan mit ihrer Tochter das erste Mal dabei war, verrieten uns beide spontan und mutig vor der Kamera. Schon hatten wir einen sehr schönen weiteren Material-Baustein für meine spätere Story im Kasten. Ein echter Glücksgriff, von dem wir vorher nicht zu träumen gewagt hätten. So entwickelte sich das Scrollytelling zum Bonner Projekt nach und nach zu einer wirklich bunten und runden Angelegenheit.

Auf dem Gemüseacker der Solidarischen Landwirtschaft fingen wir spontan sehr schöne O-Töne von zwei Erntehelferinnen ein.

Alle zehn Forschungsprojekte im Scrollytelling: von Ackerbohnen bis Zucht von Insekten

Unter Multimediastorys zu spannenden Forschungsprojekten findet ihr die Links zu diesem und den anderen neun Pageflows, so der Name der Plattform, mit der ich sie gebaut habe. Von dort gelangt ihr auch zur Nachberichterstattung zum 4. BZfE-Forum, das in diesem Jahr den Titel „Essen wird anders – Ernährung und die planetaren Grenzen“ trug und der Anlass für den ganzen Aufwand war.

Klickt und scrollt euch in Ruhe durch die Ergebnisse, wenn ihr Zeit und Lust habt. Am besten an einem großen Bildschirm, denn da wirken die Bilder, Videos und Interviews als Scrollytelling am besten. Und verratet mir gerne, welcher Forschungsansatz oder welche Umsetzung euch am besten gefällt. Bei mir sind es die zwei Insekten-Projekte, aber aus jeweils ganz unterschiedlichen Gründen 😉

Fotos der Collage (Beitragsbild): Anne Webert, BLE / Melanie Kirk-Mechtel / Gabriela Freitag-Ziegler