Dicke Kinder sind nicht selber schuld

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Dicke Kinder und Jugendliche haben es bei uns besonders schwer. Sie können meist sportlich mit ihren Altersgenossen nicht mithalten, ihnen passen keine coolen Klamotten und sie werden auch noch von allen Seiten schief angesehen. Die schlanken Menschen gehen davon aus, die Dicken seien selber schuld, weil sie sich beim Essen nicht beherrschen können und zum Bewegen zu faul sind. Stigmatisierung nennt man so etwas. Und Diskriminierung nennt man es, wenn diese Kinder und Jugendlichen anders behandelt werden – von Klassenkameraden, von (Sport-)Lehrern, manchmal sogar von Ärzten, später dann bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Dicke Eltern, dicke Kinder

Quelle: aus einem Vortrag von Prof. Martin Wabitsch, Ulm

Quelle: aus einem Vortrag von Prof. Martin Wabitsch, Ulm

Dabei sind übergewichtige Kinder und Jugendliche nicht wirklich schuld an ihren Kilos. „Kein Kind möchte übergewichtig sein“, sagte Professor Martin Wabitsch am Freitag auf einer Tagung des aid-infodienst zur Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas. Vieles muss zusammen kommen, damit sich ein Kind immer mehr Kilos anfuttert. Da sind zum Beispiel die Gene, also die erbliche Veranlagung. Hat ein Kind schlanke Eltern, bleibt es meist auch selber schlank. Ist ein Elternteil betroffen, steigt sein Risiko für eine Adipositas auf bis zu 50 Prozent, bei zwei dicken Eltern sogar auf bis zu 80 Prozent. (Adipositas ist übrigens ein besonders ausgeprägtes Übergewicht, das die Gesundheit gefährden kann. Informationen und Definitionen dazu gibt es bei der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter.)

Verantwortlich sind aber auch die Lebensbedingungen, unter denen unsere Kinder heute aufwachsen: Statt mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Schule zu gelangen, fahren sie mit Bus oder Bahn oder werden von den Eltern kutschiert. Nach immer längeren Schultagen wegen G8 reichen Zeit und Energie bei manchen nicht mehr für einen Sportverein aus. Sehr wohl reichen sie aber noch für die Verlockungen von Computer und Smartphones. Dazu kommt das riesige Angebot von fetten und süßen Lebensmitteln, die noch dazu billig zu haben sind und massiv beworben werden. Und natürlich das, was zu Hause von Eltern und Großeltern vorgelebt wird.

Man muss nicht super-schlank werden, um gesünder zu sein

Unter diesen Bedingungen 10, 30 oder noch mehr Kilos abzunehmen, ist für Kinder und Jugendliche extrem schwer, wenn nicht sogar aussichtslos. Versuchen sie es dennoch, treten sie den Kampf gegen ihren eigenen Körper an. Der setzt nach einer Diät alles daran, sein Ausgangsgewicht wiederherzustellen. Die Adipositas-Therapeuten haben aber beobachtet, dass manchmal sogar schon ein paar Kilos weniger ausreichen, damit sich Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Fettwerte und Blutzucker verbessern. Das nützt den Kindern unterm Strich aber immer noch zu wenig, wenn niemand diese Leistung anerkennt. Schließlich können sie sich ja kein Schild umhängen, auf dem steht „ich bin zwar immer noch nicht schlank, aber meine Leberwerte sind nun prima“.

Das sollten schlanke Menschen im Hinterkopf haben, wenn sie sich das nächste Mal bei abfälligen Gedanken oder gar Bemerkungen im Sinne von „selber schuld“ ertappen. So kann jeder durch sein Verhalten dazu beitragen, dass es Kinder und Jugendliche mit Übergewicht oder Adipositas bei uns nicht noch schwerer haben.

Informationen zum Thema für Fachleute und Eltern gibt es übrigens auch bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

 

5 Kommentare

  1. Lara Stein sagt:

    Ich bin ebenso der Meinung, dass Kinder nicht selbst an ihrem Übergewicht schuld sind. Es ist gut zu wissen, dass das Risiko für Adipositas auf bis zu 50 Prozent steigt, wenn auch ein Elternteil von Übergewicht betroffen ist. Meine Nichte war ebenfalls etwas übergewichtig. Mittlerweile wird sie aber von einem guten Arzt beraten und ihr geht es gesundheitlich bedeutend besser.

  2. Irene sagt:

    Ich finde den Satz komplett richtig, dass Kinder nicht selbst schuld sind! Meiner Meinung nach zählt hier noch ein weiteres wichtiges Argument: Das Vorbild der Eltern.
    Nicht nur die genetische Veranlagung – die es sicher sehr häufig gibt (die aber auch eine bequeme Entschuldigung sein kann), sondern auch die schuldhafte falsche Ernährung der Eltern macht Kinder dick. Woher sollen sie wissen, wie sie sich gesund ernähren, wenn sie ein solches Essen nicht bekommen? Woher sollen sie wissen, dass Herumtoben mehr Spaß macht als Chips vor dem Fernseher essen, wenn keiner mit ihnen auf den Spielplatz geht?
    Und dicke Kinder sehe ich – hier antworte ich direkt Julia Güttes – durchaus sehr oft. Nicht unbedingt im eigenen „gut behüteten“ erziehungsbewussten Umfeld (wie gesagt, die dicken Eltern gehen mit ihren Kindern vielleicht gar nicht auf den Spielplatz), aber z.B. im öffentlichen Freibad! Und da bin ich aber dennoch bei allem Schreck immer froh, dass doch so viele schwimmen gehen.
    Eigenverantwortung und „Schuld“ beginnt ja erst ab einem gewissen Alter. Und dann ist es oft schon sehr spät – zu spät ist es zum Umlernen natürlich nie,und dafür ist ein steigendes Bewusstsein nur gut.

  3. Thomas sagt:

    Wichtiger Beitrag und wichtige Erkenntnis, dass Kinder mitunter metabolisch gesund sein können trotz Übergewicht. Die folgende Studie geht von etwa 20-30% der Kinder aus.

    Cardiovascular and Metabolic Risk:
    Rhiannon L. Prince, Jennifer L. Kuk, Kathryn A. Ambler, Jasmine Dhaliwal, and Geoff D.C. Ball
    Predictors of Metabolically Healthy Obesity in Children
    Diabetes Care May 2014 37:5 1462-1468; published ahead of print February 26, 2014, doi:10.2337/dc13-1697 1935-5548

    Was allerdings die Argumentation in Richtung „Kinder sind nicht selbst Schuld angeht“, bin ich ein wenig skeptischer. Auch wenn die meisten Kinder nicht dick werden wollen, entbindet sie dieser Wunsch nicht von der eigenen Verantwortung über das was sie essen. Wenn ich mir wünsche mehr Sport zu machen, aber es nicht tue, dann kann ich die Verantwortung an keinen anderen abgeben. Der Satz „Vieles muss zusammen kommen, damit sich ein Kind immer mehr Kilos anfuttert. „, führt die Behauptung auch recht schnell ad absurdum. Das Kind futtert sich etwas an, ist also aktiv an der Übergewichtsentstehung beteiligt. Begünstigt durch Faktor X,Y,Z. Ob die Risikoerhöhung durch die Gene der Eltern zustandekommt oder durch die adipogene Umwelt, in der adipöse Eltern ihre Kinder aufziehen, ist auch eine Diskussion wert.

    Ich unterschreibe aber gerne nochmal die sehr wichtige Erkenntnis, dass dick nicht gleich ungesund ist. Für einen respektvolleren Umgang miteinander muss das in unserer Gesellschaft endlich gehört werden.

    1. Gabriela Freitag-Ziegler sagt:

      Vielen Dank für diesen Kommentar. Für mich verdeutlicht er, wie schwierig das Thema zu fassen ist, wenn man es in wenige Sätze pressen will.

  4. Herzlichen Dank für den guten Einblick in die aid-Tagung! Schade, dass ich nicht dabei sein konnte.
    Ich frage mich nur immer, wo sind die ganzen dicken Kinder? Wenn ich mir die Kinder auf den Spielplätzen, im Kindergarten oder auf der Straße so ansehe, sind da selten wirklich Pummelige oder gar Adipöse dabei.

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