ANUGA 2017 – Innovative Lebensmittel von „total überflüssig“ bis „gesunde Idee“

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Eins vorweg: Nein, ich habe meinen diesjährigen ANUGA-Besuch nicht strategisch geplant. Und das, obwohl – oder gerade weil – ich nur einen halben Tag dafür Zeit hatte. Das ist definitiv zu wenig, um dieser riesigen Messe mit 7.400 Ausstellern aus über 100 Ländern gerecht zu werden. Es reicht aber aus, um sich staunend die Augen zu reiben ob der Menge an neuen Lebensmittelkreationen, auf die die Menschheit schon lange gewartet hat oder eben nicht. Dazu gehören für mich solche abstrusen Ideen wie die eines italienischen Wurstherstellers, der jeweils eine Miniportion Salami mit einer Miniportion süßem Snack (z. B. Nussmischung plus Cranberries /mit Schokolade überzogene Cashewkerne) üppig in Plastik verpackt auf den Markt bringen möchte – zum Glück vorerst nur in Italien.

Mini-Salamis plus Nuss und Cranberries in viel Plastik

Mini-Salamis plus Nuss und Cranberries in viel Plastik

Und dazu gehört für mich auch die Idee, der Bäcker möge die tiefgefrorenen Donuts des Lieferanten kreativ mit Schokoguss und diversen Toppings gestalten, um „seinen Kunden ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern“. Aber geschenkt. Hier wird zumindest nicht mit Gesundheit, sondern Spaß und Genuss geworben. Im Gegensatz zu den Mini-Salamis, auf deren Vorderseite doch tatsächlich „mix Wellness“ prangt.

Hier darf der Bäcker aus tiefgefrorenen Donuts tolle Kreationen zaubern.

Hier darf der Bäcker aus tiefgefrorenen Donuts tolle „frische“ Kreationen zaubern.

Richtig schlimm finde ich Quetschbeutel mit Obstbrei für Kleinkinder, die leider in den letzten Jahren den Markt erobert haben. Die werden für mich auch nicht besser, wenn der Inhalt 100 % Bio ist. Ich habe mich länger mit einem wirklich netten Menschen von Brand&Vision unterhalten, die das Sesamstraßen-Sortiment vermarkten. Dazu gehören auch die leckeren Ernie & Bert-Vollkornkekse, die es bei uns früher hin und wieder gab. Natürlich seien diese Quetschbeutel nicht als Ersatz für frisches Obst gedacht. Aber viele Menschen seien eben dankbar für die schnelle und einfache Art, ein Kleinkind mit Obst zu versorgen. Was denn die Alternative sei? Ein Schokoriegel etwa? Mir erschließt sich überhaupt nicht, warum ein paar Apfelstücke oder eine Banane auf die Hand so viel mehr Arbeit machen sollen. Ganz zu schweigen von dem unnötigen Plastikmüll, den wir doch alle vermeiden wollen oder etwa nicht?

ANUGA_2017_Sesamstraße

Leider bietet dieser Hersteller nicht nur leckere Ernie & Bert-Vollkornkekse, sondern auch die unsäglichen Quetschbeutel mit Obstbrei an

Das sind nur drei Negativ-Beispiele, über die ich auf meinem kleinen Rundgang gestolpert bin. Auch bei Kokoswasser in Dosen, Chips aus blauen Kartoffeln, Moringa-Joghurt usw. hört mein Verständnis auf. In die falsche Richtung gehen aus meiner Sicht auch die ausgemachten Trends, die im Rahmen der ANUGA nun überall präsentiert werden, zum Beispiel Protein-Produkte und Insekten. Wer braucht die, frage ich mich, wo sich der Proteinbedarf von Sportlern, vermutlich sogar der ganzen Menschheit prima mit Hülsenfrüchten decken ließe?

Zum Glück gibt es nicht nur innovative Unternehmen, die Insektenburger entwickeln, sondern auch solche, die Hülsenfrüchten ein modernes Image verpassen wollen. Gut gefallen haben mir die Produkte einer österreichischen Firma, die ein buntes Sortiment spannender Sorten anbietet – hoffentlich auch bald in Deutschland. Sogar Mungbohnen – eine besonders bekömmliche Bohnensorte, die ich bisher nur getrocknet kannte – sind verzehrsfertig in der Dose zu haben. Hier macht Convenience für mich Sinn.

Käferbohnen und Mungbohnen in modernem Design

Gesund, lecker und in modernem Design: Käferbohnen, schwarze Bohnen, Mungbohnen

In modernem Design für eine junge Zielgruppe: Das gilt auch für ein Start Up aus dem Ruhrgebiet, das seit 2015 verpacktes Brot in fünf Sorten anbietet. Auch hier gibt es das offenbar unvermeidliche Chia- und Eiweiß-Brot („die Verbraucher fragen das eben nach“), aber damit kann ich leben, solange Brot überhaupt eine Rolle bei „Taste the Future“ spielt. Auch die Idee, Vollkorn-Pumpernickel in knallbunter Verpackung als Snack anzubieten, finde ich gut. Wer braucht da Mini-Salamis mit Schokonüssen.

Abgepacktes Brot und Pumpernickel in frischem Design

Abgepacktes Brot und Pumpernickel in frischem Design

 

Mein Fazit nach einem viel zu kurzen Messerundgang? Die weltweite Ernährungsindustrie zeigt sich mal wieder extrem innovativ, fragt sich nur, wohin uns das führt…

3 Kommentare

  1. Susanne sagt:

    Vielen Dank für deine Eindrücke in Schriftform.
    Dieses Quetschie-„Obst“ ist mir auch schon länger ein Dorn im Auge. Mich stört zum einen der Plastikmüll und Kinder sollen doch Kauen lernen, oder?
    Etwas kritischer sehe ich den Umgang mit Insekten.
    Vor gut zwei Jahren habe ich ein Seminar der Landwirtschaftskammer besucht, in der es um die Zukunft auf dem Teller ging. Prof. Ritter von der FH Münster hat dort bildhaft erklärt, warum es auf Dauer nicht ohne Insekten als Proteinlieferanten gehen wird, jetzt egal ob als Futtermittel oder z.B. als Proteinriegel. Unsere Erde ist einfach zu klein. https://selbst-staendig-als-da.blogspot.de/2015/10/seminardie-zukunft-auf-dem-tisch.html

  2. Askan sagt:

    Ich stelle immer wieder fest, daß (gerade im urbanen Bereich?) das Verhältnis zu Lebensmittlen sehr abstrakt geworden ist, das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Der Bezug zu Lebensmitteln und deren Produktion ist in vielen Fällen verloren gegangen. Daher ist es für mich recht erklärlich, warum neue Kreationen, die für Leute wie mich nicht nachvollziehbar sind, einen Anklang finden. Aber wahrscheinlich ist es nur eine Dimension dieses Trends.

    1. Gabriela Freitag-Ziegler sagt:

      Tja, zum Glück finden nicht alle diese Lebensmittel Anklang, denn viele unnötige Innovationen verschwinden recht schnell wieder aus den Regalen. Und zum Glück gibt es ja auch einen Gegentrend hin zu frischen, unverarbeiteten Produkten. Da sind dann so Leute wie wir gefragt 😉

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