Vision versus Realität: Der Deutschen liebsten Gerichte enthalten Fleisch

Stillleben mit Lebensmitteln

„Genussvoll Essen und Trinken – Den Menschen und der Ernährung verpflichtet“ – unter diesem anspruchsvollen Motto feierte der Verband für Ernährung und Diätetik (VFED) seinen 25-jährigen Geburtstag mit einem dreitägigen Kongress in Aachen. Bisher hatte ich diese jährlich stattfindende Tagung immer nur von Weitem wahrgenommen. In diesem Jahr war ich erstmals einen Tag lang dabei. Denn ich hatte die Ehre einen Beitrag für das gleichnamige Jubiläums-Magazin schreiben zu dürfen. Darüber war ich auf den Kongress neugierig geworden. ErnährungsberaterInnen, die ein Update in Sachen „Genuss und Gesundheit“ suchen, sich über Superfoods, Essen für die Seele oder die gute alte Vollwerternährung informieren möchten, lege ich dieses Jubiläums-Heft wärmstens zum Schmökern an kalten Tagen ans Herz 😉

Hier noch meine Eindrücke zu den Vorträgen zweier interessanter Wissenschaftler: Nr. 1 ein Urgestein der Ernährungswissenschaften und Vollwerternährung mit einem aktuellen Überblick über Vegetarismus und Co. sowie eine persönliche Prognose für die Zukunft. Nr. 2 ein deutlich jüngerer Ernährungspsychologe, der die Ergebnisse seiner brandneuen Genussstudie vorstellte.

Prof. Leitzmann zu Vegetariern, Veganern und Flexitariern

Gleich der erste Vortrag von Claus Leitzmann hat mich schwer beeindruckt, vor allem wegen der Fitness dieses 84-jährigen Professors, der seit 40 Jahren vegetarisch lebt. Schon nach 25 Minuten gab es die erste bewegte Pause. Dazu musste das ganze Auditorium dem Herrn Professor nachturnen. Mindestens ebenso beeindruckt hat mich seine tiefe Überzeugung:

Unsere Ernährung wird in Zukunft weitaus überwiegend pflanzlich sein. Dafür sprechen ethische Anliegen, gesundheitliche Vorteile, gesellschaftliche Fairness, ökologische Erfordernisse und ökonomische Vernunft.

Das brachte er schließlich noch auf die Kurzfassung:

… dafür sprechen der gesunde Menschenverstand und unsere Kinder und Enkelkinder

Ob Leitzmann damit Recht hat? Schön wäre es, und Anlass zur Hoffnung geben vielleicht weniger die Vegetarier und Veganer, sondern die Menschen, die sich heute als Flexitarier bezeichnen. Laut einer Göttinger Studie immerhin knapp 12 %. In der gleichen Studie gaben aber auch 14 % der Befragten an, sie würden mehr Fleisch essen, wenn es billiger wäre…

Genussstudie: Was und wie genießt Deutschland 2017?

Auch die Genussstudie des Kollegen zeichnet eher einen langen Weg zu einer pflanzlichen Zukunft. Denn nach ihren Lieblingsgerichten gefragt, landeten Fleischgerichte mit Abstand an der Spitze (33 % der Befragten). Das war jedenfalls das Ergebnis der Studie „Was und wie genießt Deutschland 2017“. Die präsentierte der Ernährungspsychologe Dr. Thomas Ellrott in Aachen. Ab heute ist sie auf der Seite des Kooperationspartners Lieferando im Detail einzusehen. Weit abgeschlagen mit 18 % aber immerhin an zweiter Stelle folgen Nudelgerichte und an dritter Stelle mit 9 % Salat, Gemüse und Hülsenfrüchte. Ellrott erklärte diese Ergebnisse so: Fragt man die Menschen offen nach ihren Lieblingsgerichten, nennen sie meist solche, die ganz eng an Kindheit und Familie gekoppelt sind – daher also so viele Fleischgerichte. Tatsächlich hinken die dem aktuellen Trend  „weniger Fleisch“ hinterher. Der „Pasta-Peak“ sei vergleichsweise jünger und entspricht mehr der Trendwende hin zu einfachen Familiengerichten, die nicht unbedingt Fleisch enthalten müssen. Das dürfte den Kollegen Leitzmann freuen.

Sehr aufschlussreich waren auch die Antworten auf die offene Frage „Was ist für Sie wichtig, um ein Essen so richtig genießen zu können?“ Dabei kamen zwei wesentlichen Erkenntnisse heraus:

  1. das Essen als solches (lecker, Genuss, Geschmack, Geruch, gut)
  2. die Atmosphäre (Zeit, Ruhe, Entspannung)

Gutes Essen allein bringt also gar nichts, wenn die Zeit zum Genießen fehlt. Anders herum kann auch die schönste Atmosphäre kein schlechtes Essen in Genuss verwandeln. Dazu kommen die Top 4 des Alltags, die für die Befragten den höchsten Genusswert haben und die alle irgendwie auch etwas mit Essen zu tun haben

  1. Entspannen und Ausruhen
  2. Urlaub machen
  3.  Zuhause toll essen
  4. Zeit mit der Familie verbringen

Diese Ergebnisse erfreuen natürlich den Partner Lieferando, der wie andere Lieferdienste auch davon lebt, den Menschen das Schlaraffenland nach Hause zu bringen. Das finde ich hin und wieder völlig in Ordnung. Für mich gehört zum Genießen aber auch unbedingt das Einkaufen frischer Lebensmittel und das „Selber-Kochen“ dazu. Das muss ja nicht an jedem Tag sein, aber die Regel. Und der Lieferdienst dann eben die Ausnahme für hektische Zeiten oder faule Tage.

 

 

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