Ernährung in der Krise – ein Gespräch mit Gunther Hirschfelder

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Fragezeichen aus Erbsen auf einem Teller

Was können wir aus vergangenen Ernährungskrisen lernen? Wie bewältigen wir gegenwärtige und wie die drohenden Krisen der Zukunft? Dazu rückte der Kulturwissenschaftler Professor Gunther Hirschfelder auf dem 5. BZfE-Forum zuerst einmal den Begriff der Krise zurecht. Eine Krise sei keine nahe Katastrophe, sondern eine entscheidende Wende.

Das klingt im ersten Moment beruhigend. Die sprichwörtliche „Krise als Chance“ also. Damit das keine hohle Phrase bleibt, braucht es aber große Hebel. Ich habe mit Professor Hirschfelder telefoniert und genauer nachgefragt, wer die Welt retten muss und welche Rolle wir alle dabei spielen.

Lieber Herr Professor Hirschfelder, Sie haben in Ihrem Vortrag auf dem 5. BZfE-Forum erläutert, wie die Menschheit vergangene Ernährungskrisen bewältigt hat, Krisen als Katalysatoren bezeichnet und sich selbst als Optimisten. Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Ich bin davon überzeugt, dass die Menschheit noch lange nicht untergeht. Aber wir haben nun einmal den Anspruch, ethisch und moralisch korrekt zu handeln. Die Welt und globale Hungerkrisen können uns also nicht egal sein. Daher müssen wir unser Konsumverhalten langfristig auch ändern.

Außerdem sehen wir, dass eine Gesellschaft unter Druck hohe Innovationskräfte für neue Agrarprodukte und Technologien freisetzt. Das zeigen Beispiele der Vergangenheit wie die Einführung der Kartoffel als Krisennahrung in Europa. Ein Beispiel von heute wäre der Umstieg von Seefisch auf Fisch aus Aquakultur.

Wie schätzen Sie die allgemeine Betroffenheit der Bevölkerung ein und die Bereitschaft, das eigene Konsumverhalten zu ändern?

Leider nicht so groß, wie Sie und ich uns das wünschen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen ihre Freiheiten in Anspruch nehmen und sich nichts vorschreiben lassen möchten. Manche betreiben sogar exzessiven Konsum, fühlen sich durch Forderungen nach Verzicht provoziert und verachten die Ökologie-Bewegung.

Viele Menschen sind zudem äußerst uninformiert: Globale Krisen und die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, sind ihnen unglaublich fern.

Andere haben ganz einfach eigene konkrete Probleme. Viele Alleinerziehende haben finanzielle Sorgen und psychosozialen Stress und sagen uns oft auch im Interview ganz klar, dass sie derzeit gar keine Kapazität haben, im Supermarkt über die CO2-Bilanz von Lebensmitteln nachzudenken. Solche Dinge müssen wir im Blick haben und die richtigen Strategien finden, wenn wir alle Gesellschaftsschichten erreichen wollen.

Hier setzt auch das WBAE-Gutachten an. Die Autor*innen fordern faire Ernährungsumgebungen anstatt Individuen zu stark in die Pflicht zu nehmen. Damit richtet es sich ganz klar an die Politik. Ist das für Sie der richtige Weg?

Ja, die Politik muss die Rahmenbedingungen setzen. Wir leiden allerdings darunter, dass wir so eine alte Demokratie sind. Alle wollen sich vertragen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Autofahrer und Umweltschützer, Fleischesser und Vegetarier. Der Preis dafür ist, dass sich Veränderungen nur schwer und zu langsam realisieren lassen. Wichtige Ansätze werden da so vielen Änderungen unterworfen, dass am Schluss oft nur ein fauler Kompromiss bleibt.

Verhältnismäßig einfach ließen sich Nudging-Maßnahmen realisieren. Die kommen ohne Verbote aus, machen es mir aber ganz leicht, zum Beispiel in der Kantine ein Gemüsegericht statt Schnitzel zu wählen oder Wasser statt Limo. Was halten Sie davon?

Nudging bedeutet für mich nicht, Leute zu erziehen, sondern im Rahmen ihrer Freiheiten Denkanstöße zu setzen. Es muss also ganz klar ohne Bevormundung auskommen. Nudging allein reicht aber nicht aus. Dabei geht es ja immer noch um die Entscheidung von Einzelnen, also die Frage Salat oder Schnitzel auf individueller Ebene. Wichtiger wäre in diesem Beispiel, dass sich das gesamte Kantinenangebot verbessert. Es kann doch nicht sein, dass die Politik zu Nachhaltigkeit aufruft und in Kantinen der öffentlichen Hand oder in Kitas und Schulen eine ganz entgegengesetzte Praxis existiert.

Sie bezweifeln also, dass wir mit vielen kleinen Schritten zum Erfolg kommen?

Das stimmt so nicht ganz. Ich habe auf dem BZfE-Forum sehr aufmerksam die Vorstellung der Projekte verfolgt, die sich für eine nachhaltige Ernährung einsetzen wie die App Too good to go oder das Projekt KlimaTeller. Natürlich leisten solche Projekte und Start-ups wichtige Beiträge. Sie erreichen aber oft nur die Menschen, die sich sowieso schon für eine nachhaltige Ernährung und Lebensweise interessieren. Und selbst die können die Welt nicht durch ihr eigenes Verhalten ändern. Stattdessen müssen wir die großen Strukturen verändern.

Das klingt frustrierend für diejenigen, die sich in nachhaltigen Initiativen engagieren, demonstrieren gehen und bewusst auf Rindfleisch oder Flugreisen verzichten. Was raten Sie denn zum Beispiel Ihren Studierenden oder jungen Menschen allgemein stattdessen?

Vielen Menschen sind die Maßstäbe verrutscht. Es geht nicht darum, ob ich Quinoa esse oder ein Wurstbrot. Die jungen Menschen überschätzen ihre Reichweite im Nahbereich. Sie denken, die Welt geht unter, wenn sie sich eine Bratwurst gönnen, und sie können sie retten, indem sie die Bio-Kartoffel essen. Es ist zwar gut, für diese Dinge einzustehen, wirklich etwas erreichen lässt sich aber durch Aktionen auf anderer Ebene. Bisher sind wir eine Mitmachgesellschaft, in der nicht genug Menschen mitmachen.

Ich empfehle zum Beispiel, sich in Institutionen zu engagieren, wo Entscheidungen getroffen werden. Studentinnen und Studenten können sich ins Studierenden-Parlament ihrer Uni wählen lassen. Von dort aus können Sie zum Beispiel dem Präsidenten ordentlich Druck machen, in der Mensa nachhaltiges Essen anzubieten. Dafür sollten sie dann notfalls auf die Straße gehen und sich Unterstützung durch die Medien holen.

Beim Stichwort Druck fällt mir der Druck bei uns zuhause ein, dem wir mittlerweile ausgesetzt sind. Wir trauen uns beispielsweise kaum noch, Butter oder Sahne auf den Tisch zu stellen.

Das kenne ich von meinen Studierenden, die mich auch als „Boomer“ für die drohende Klimakrise verantwortlich machen. Doch solche Schuldzuweisungen sind nicht hilfreich. Ich rate vielmehr: Betrachtet die Welt analytisch und wissenschaftlich und nicht moralisch. Ich wünsche mir eine unaufgeregte Diskussion, in der alle Menschen zu Wort kommen und alle Bedürfnisse gesehen werden.

Zum Schluss bitte ich Sie um einen Blick in die Glaskugel. Was wünschen Sie sich in dreißig Jahren auf Ihrem Teller?

Ich hoffe, dass ich im Prinzip noch das Gleiche auf dem Teller finden werde wie heute, denn unsere Vorlieben verändern sich nicht revolutionär, sondern evolutionär. Dazu gehört aber sicherlich weniger und besseres Fleisch. Fleischersatzprodukte sehe ich auf diesem Teller aber nicht. Das ist eine Brückentechnologie, die irgendwann ausgedient haben wird. Stattdessen werden wir mehr personalisiertes health food essen und hoffentlich wieder mehr auf den Geschmack achten. Schon heute mangelt es doch weniger an der Qualität als am Geschmack.

Wenn ich mir außerdem etwas wünschen darf, dann eine starke Systemgastronomie, weil die ein wirklich effizienter Hebel ist. Dort bekomme ich dann leckere und trotzdem nachhaltige Bio-Pommes. Ich möchte keinen Handel mehr haben, der unmoralisch ist, weil er damit das meiste Geld verdient. Und ich wünsche mir, dass die Politik den Rahmen für eine ökologische und bewusste Ernährung setzt. Die eigene Freiheit sollte bekanntermaßen nur so weit reichen, dass sie die Freiheit der anderen nicht einschränkt.

Und natürlich hoffe ich, dass auf der ganzen Welt alle Menschen satt werden.

Das hoffe ich auch und bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch!

 

Professor Gunther Hirschfelder

@privat

Prof. Dr. Gunther Hirschfelder begann seine Laufbahn mit dem Studium der Geschichte, Volkskunde und Agrarwissenschaft in Bonn. Heute lehrt er Vergleichende Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg und forscht zu historischen und gegenwärtigen Ernährungskulturen. Seine Lieblings-Lehrveranstaltungen sind Projektseminare, in denen er mit den Studierenden die Ernährungspraxen in allen (!) gesellschaftlichen Milieus erforscht. Gunther Hirschfelder lebt mit Frau, Kind und Hund in Bonn.

 

 

Dieses Interview ist im Zusammenhang mit meiner freiberuflichen Tätigkeit für das Bundeszentrum für Ernährung entstanden. Die Auswahl der Inhalte erfolgte rein subjektiv und nach persönlichen Schwerpunkten.

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