Foodsharing statt Führerschein

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Kisten mit gerettetem Gemüse und Bananen

Am 2. Mai ist „Tag der Lebensmittelverschwendung“, weil rein rechnerisch alle Lebensmittel, die in den ersten 122 Tagen des Jahres produziert wurden, im Müll landen – so die Erklärung vom WWF. Daher hat Foodsharing für morgen den Hashtag #RetteLebensmittel ausgerufen. Zeit für einen persönlichen Beitrag zum Thema.

Mit Fahrrad und Anhänger zum Bäcker, Markt und in die Kantine

Endlich allein selber Auto fahren? Nein, das war nicht der größte Wunsch unserer Tochter zu ihrem 18. Geburtstag. Stattdessen wurde sie Anfang des Jahres aktive Lebensmittelretterin bei Foodsharing Bonn. Warum? Weil sie es unerträglich findet, dass bei uns so viele Lebensmittel in der Tonne landen, die – auch rein rechnerisch und theoretisch natürlich – viele hungernde Menschen satt machen könnten. Lebensmittel, die außerdem oft noch völlig in Ordnung sind.

Vor allem die Unmengen an Brötchen, die Bäckereien vorhalten, damit sie noch kurz vor Ladenschluss eine große Auswahl anbieten können. Dass es auch anders geht, zeigen Läden wie „mein“ Bioladen  Momo oder das kleine Büdchen-Café Miss Minz: Wer hier kurz vor Toresschluss angelaufen kommt, muss sich mit dem begnügen, was noch da ist.

Zurück zur eigentlichen Geschichte. Nach ihren ersten Rettungen war unserer Tochter schnell klar: Rucksack und Fahrradtaschen reichen nicht, um die oft großen Mengen zu verstauen. Sie kaufte sich also einen gebrauchten Fahrradanhänger. Damit ist sie jetzt mehrmals pro Woche und bei jedem Wetter unterwegs: Holt am Abend bis zu 100 Brötchen und andere Backwaren in einer Bäckerei ab. Rettet Gemüse und Obst auf dem Bonner Markt. Transportiert die Reste vom Mittagessen einer Kantine in 10-Liter-Eimern und diversen Kunststoffboxen. Oder schwingt sich für nur fünf belegte Brötchen oder ein paar Croissants in den Sattel, wenn die bei Miss Minz übrig geblieben sind.

So kommen schnell etliche Stunden zusammen, denn nach der Abholung ist das Lebensmittel ja noch nicht unbedingt gerettet.

Junge Frau mit Fahrrad und Anhänger

CO2-neutral mit Fahrrad und Anhänger unterwegs

Nach dem Abholen folgt das Verteilen

Zuhause angekommen, nimmt sie die Lebensmittel genauer unter die Lupe: Was ist noch essbar und was selbst bei bestem Willen ein Fall für die Bio-Tonne. Manchmal sind wir uns da nicht ganz einig. Ich hätte die Karotten auf dem Bild unten wahrscheinlich entsorgt… Im günstigen Fall finden sich aber für alles Abnehmer*innen. Dafür teilt sie Fotos vom „Rettergut“ über eigens angelegte Messenger-Gruppen oder auf der Foodsharing-Website. Dort sehen alle registrierten Nutzer, welche „Essenskörbe“ wo abzuholen sind. Sie können aber auch selber Lebensmittel einstellen, die sie weitergeben möchten.

Kiste mit geretteten Mandarinen, Möhren und anderem Gemüse

Bei Gemüse und Obst gehen die Meinungen zwischen „gut“ und „gammelig“ manchmal ganz schön auseinander

Manchmal lassen sich trotz aller Bemühungen nicht sämtliche Lebensmittel an den Mann oder die Frau bringen. Dann fangen wir selber an, die geretteten Lebensmittel zu retten: Legen Brötchen zum Trocknen auf die Heizung, um später Paniermehl oder Spinat-Semmelknödel daraus zu machen. Frieren Reis oder Soße ein, wenn noch Platz in der Kühltruhe ist. Verarbeiten spät am Abend mehrere Bund welken Bärlauch zu haltbarem Bärlauch-Salz.

Eine ganze Kiste nicht mehr ganz frische Bio-Bananen zu verteilen, ist jedoch eine fast unlösbare Aufgabe. Nach ein paar Tagen landet dann im schlimmsten Fall doch eine Handvoll in unserer grünen Tonne und uns blutet das Herz. Ich muss dann immer an das Buch Billig. Billiger. Banane  denken, das ich gelesen und hier auf dem Blog besprochen habe. Seitdem habe ich zu Bananen ein ganz neues Verhältnis und lasse mich auch schon mal zu Bananenbrot aus geretteten Bananen einladen 😉

Brokkoli-Bratlinge und andere Köstlichkeiten

Nudeln, Brokkoli, Brötchen und Soße in Plastikboxen

Gekochtes Essen ist eine besondere Herausforderung – vor allem, wenn der 10-Liter-Eimer komplett mit Soße gefüllt ist.

Eine ganz spezielle Angelegenheit ist das Retten und Verteilen von Kantinen-Essen. Das steht jetzt hin und wieder dienstags bei uns auf der Speisekarte. Dann koche ich extra nicht, weil unsere Tochter in einem Betrieb abholt, was dort nicht gegessen wurde: 10 kg Curry-Soße, einen Haufen Nudeln, Kartoffeln oder Reis. Manchmal sogar Fleisch oder Fisch. Das muss schnell verteilt und gegessen werden, weil es noch warm ist. Sonst muss sie es zumindest schnell runterkühlen. Im Winter ging das gut. Ich bin gespannt, wie das im Sommer laufen soll.

Wenn sich keine Abnehmer für alles finden, werfen wir wieder den Kreativ-Modus an. Zum Beispiel, um den Brokkoli zu verwerten, der leider alles andere als bissfest war. Meine improvisierten Brokkoli-Bratlinge waren zwar kein Gourmet-Essen, aber immerhin genießbar. Überhaupt musste ich in den letzten Monaten ganz schön oft über meinen Schatten springen. Möglichst frisch – wegen der empfindlichen Vitamine -, am liebsten bio, regional und saisonal? Tja, das gilt dann eben mal nicht für den etwas zerkochten Brokkoli, die Tomaten aus Spanien oder den Spitzkohl, für den die Saison bei uns gerade erst anfängt.

Vegetarische Bratlinge aus gerettetem Brokkoli

Brokkoli-Bratlinge aus gerettetem Brokkoli, Paprika und Semmelbröseln.

Gute Laune und fun facts am Rande

Unterm Strich kostet das alles nicht nur viel Zeit und Mühe, sondern trägt meist zu guter Laune bei. Für unsere Tochter sind die Radtouren und die Kontakte beim Abholen und Verteilen – wenn auch auf Abstand und mit Maske – immer eine willkommene Abwechslung zum Lernen fürs Abi. Der Papa freut sich hin und wieder über ein gerettetes Schnitzel oder Schinkenbrötchen, weil es bei uns ja kaum noch Fleisch und Wurst gibt. Und ich wurde neulich vom „Schwiegersohn“ 😉 mit geretteten Tulpen überrascht. Foodsharing ist nämlich ansteckend und so wurde der Freund unserer Tochter kurz nach ihrem Eintritt Foodsaver im benachbarten Königswinter.

Jeder Tag sollte Tag gegen Lebensmittelverschwendung sein

Wer „Tag Lebensmittelverschwendung“ googelt, findet übrigens nicht nur den 2. Mai, der 2016 als „Tag der Lebensmittelverschwendung“ vom WWF (World Wide Fund For Nature) markiert wurde. 2020 hat die UNO den 29. September zum Internationalen Tag gegen Lebensmittelverschwendung (International Day of Awareness of Food Loss and Waste) ausgerufen. Auch mit diesem Aktionstag soll weltweit auf die Verschwendung von Lebensmitteln aufmerksam gemacht werden.

Viele Infos, wie jeder einzelne von uns im eigenen Haushalt mitmachen kann, finden sich zum Beispiel auf Zu gut für die Tonne oder der neuen Seite Genießen statt wegwerfen von der Verbraucherzentrale. Wenn ihr Lust habt, schreibt mir gerne, was ihr über das Thema denkt oder welche Spezial-Tipps ihr zum Lebensmittelretten habt.

[Ergänzung 2. Mai: Foodsharing Ludwigsburg hat ein sehenswertes Video zum Tag der Lebensmittelverschwendung gedreht, das ich hier gerne verlinke.]

13 Kommentare

  1. julie sagt:

    Liebe Gabi, durch Zufall stieß ich auf deinen Artikel. Was für eine starke&schöne Mama du bist!♥️
    Ich wohne selbst in Bonn (Weststadt), kann weil ich so viel Zeit in der Schule tätig bin aber all die Fahrten machen und weiß nicht, wo ich anfangen soll… Wenn ich jmd kennen würde, der die großen Portionen abholt und sortiert (was ja wirklich viel Arbeit ist und wofür ich deine Tochter nur bewundere -Hut ab!), könnte ich von dort quasi ein “Kleinabnehmer” sein mit meinem Rad, da ich natürlich gar nicht so viel retten kann, aber ein bisschen was würde nicht weggeschmissen werden müssen. (Bin allerdings ob gerettet oder nicht immer vegetarisch. )
    Wo soll ich anfangen?
    Liebe Grüße!
    julie

    1. Gabi sagt:

      Liebe Julie, registriere dich doch einfach mal bei Foodsharing und nimm Kontakt zu den Menschen auf, die dort aktiv sind. Dann findet sich bestimmt ein Weg, wie du mithelfen kannst. Oder du nimmst selber Lebensmittel ab, die andere gerettet haben. So leistest du auch einen wichtigen Beitrag dazu, dass weniger verschwendet wird 😉 Viel Erfolg und viele Grüße, Gabi

  2. Andrea Brackertz sagt:

    Toller Artikel und je länger du bei foodsharing bist, desto kreativer wirst du in der Verwertung der geretteten Lebensmittel. Bananen kannst du gut in Scheiben schneiden, einfrieren und dann immer einige davon gefroren ins Smothie oder gefroren mit Joghurt oder Sahne im Mixer zu Bananeneis vermixen. Du könntest auch Bananenmus zu Bananenleder im Dörrgerät trocknen oder Bananen Chips.
    Solltest du immer noch Bananen übrig haben, freuen sich auch Pferde darüber, frag doch mal auf einem Pferdehof nach. Dann kannst du die Schale der Banane noch kleinschneiden und als Rosendünger nutzen.
    Viel Spaß weiterhin beim retten.

    1. Gabi sagt:

      Hallo Andrea, vielen Dank für deine Bananen-Tipps. Ja, meine Tochter hat auch schon Diverses ausprobiert. Und tatsächlich gibt es Pferde und Kaninchen im Bekanntenkreis, die schon mal Reste vom „Rettergut“ bekommen 😉 Liebe Grüße, Gabi

  3. Fe sagt:

    Für die Kiste Bananen habe ich eine Idee, mach Eis draus. Wenn ich viele Bananen bekomme, mache ich das. Mein Rezept ist vegan und ohne Zucker. z.B. 900 g geschälte, geputzte Bananen (möglichst weich) 400 ml Kokosmilch und 100 g Datteln. Die Datteln weiche ich in ein bisschen Wasser ein und pürriere sie dann mit der Kokosmilch und den Bananen. Da meine Eismaschine nicht mehr schafft, habe ich hier diese Mengenangaben. Eingefroren hält es sich monatelang.

    1. Gabi sagt:

      Liebe Fe, danke für den guten Tipp. Wir hatten tatsächlich ein paar Bananen eingefroren und zwei davon bereits wieder aufgetaut und für Bananen-Karotten-Muffins verwendet. Dein Rezept probieren wir dann bei nächster Gelegenheit mal aus. Viele Grüße von Gabi

  4. Liebe Gabi,
    auch von mir: Toller Artikel und wichtiges Thema! Ich kenne diese Kreativitäts-Herausforderungen auch sehr gut, ein Freund von mir containert regelmäßig und lässt mich teilhaben, außerdem haben wir im Welthaus, wo ich arbeite, einen Foodsharing-Fair-Teiler.
    Meine Hündin unterstützt die gute Sache und kümmert sich um Fleisch, Fisch und manche Milchprodukte, ich bin von meinem Veganismus aber inzwischen auch wieder ein gutes Sück abgewichen, wenn es sich um gerettete Lebensmittel handelt, die ich nicht bezahlt und somit die Hersteller nicht unterstützt habe.
    Es ist ein Irrsinn, wie viel für die Tonne produziert wird, also Daumen und Pfoten hoch für Foodsharing und die Containerei – legalize it! 🙂

    1. Gabi sagt:

      Liebe kommunikatz, vielen Dank! Ja, das mit dem „Über den eigenen Schatten springen“ fällt mir oft wirklich schwer. Denn regionales und saisonales Gemüse und Obst zu kaufen und wenn Fleisch, dann wirklich nur bio, habe ich mittlerweile so verinnerlicht. Bei geretteten Lebensmitteln liegen die Prioriäten dann irgendwie anders. Interessant, dass du das ähnlich siehst, aber das sind tatsächlich moralische Fragen, über die man noch viel nachdenken und schreiben könnte …

  5. Liebe Gabriela,
    Ein ganz wunderbarer Artikel. Warum? Weil du ohne Finger-Zeig schreibst und berichtest, wie du den Ideen deiner Tochter offen gegenüber stehst und sie unterstützt und bereit bist über deinen Schatten zu springen. Das ist eine neben der wichtigen Kernbotschaft deines Artikels ein ebenso wichtiger Anstoß an uns alle. Offen sein für neue Ideen und Veränderung!
    Danke

    1. Gabi sagt:

      Danke schön, liebe Katharina, dann hat sich die Mühe ja gelohnt 🙂 Sonnige Grüße von Gabi

  6. Paul sagt:

    Vorbildlich!

  7. margot S. sagt:

    Vielen Dank für diesen „Artikel“ + so viele Anstöße zum Nachdenken + Nach-Handeln! Wir erkennen uns wieder in dem, wie wir schon lange handeln + leben. Aber es gibt so einiges, was wir „noch“ nicht konsequent umsetzen. Grüße aus Ostfriesland nach Bonn (wir vermissen hier nicht viel, aber MOMO fehlt uns auch nach 5 Jahren noch immer!) Margot S.

    1. Gabi sagt:

      Liebe Margot, vielen Dank und ja, so ein eingesessener Bio-Laden ist schon etwas ganz Besonderes. Viele Grüße nach Ostfriesland von Gabi

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