„Eine halbe Tasse Spinat, bitte!“ – Lokalisierung statt Übersetzung

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Welche Fallstricke können sich beim Übersetzen von bei uns unüblichen Mengenangaben zu Lebensmitteln ergeben? Ungeahnte Probleme und kreative Lösungen beschreibt Katja Heimann-Kiefer in ihrem grandiosen Gastbeitrag. Herzlichen Dank für diese tolle Geschichte, liebe Katja!

Für mich als gelernte technische Übersetzerin brachte der Spätherbst 2021 eine willkommene Herausforderung: Ein amerikanischer Stammkunde (der weder mit Technik noch mit Lebensmitteln zu tun hat) benötigte überraschend die deutsche Übersetzung einer Grafik zu Nährwerten. Diese Grafik stellte dar, welche Mengen welcher Lebensmittel welchen Prozentsatz des Tagesbedarfs an Vitamin A enthalten. So weit, so überschaubar – möchte man meinen.

Doch so einfach, wie das klingt, war die Sache nicht, denn durch ihre amerikanische Herkunft war die Grafik in der vorliegenden Form für den deutschen Markt nicht brauchbar.

Erster Knackpunkt: „1/2 cup“ Tiefkühl-Spinat

Eine halbe „cup“ gekochter Tiefkühl-Spinat liefert der Grafik zufolge gut die Hälfte des täglichen Vitamin-A-Bedarfs. Die Maßeinheit „cup“ begegnet mir gelegentlich in Rezepten und ich weiß, dass damit keine real existierende Tasse, sondern ein bestimmtes Volumen gemeint ist: Der Messbecher in unserer Küche verortet 1 cup knapp unter einem Achtelliter, tatsächlich sind es genau 120 Milliliter.

Dieses Wissen nützte mir jedoch wenig, denn im deutschen Sprachraum gibt man Spinatmengen als Gewicht an, nicht als Volumen. Ich brauchte also eine Angabe in Gramm. Ab in die Küche, den Messbecher auf die Waage gestellt und den Spinat aus dem Gefrierschrank geholt! Es folgte die Erkenntnis, dass Spinatklötze nicht zum Funktionsprinzip eines Messbechers passen, der auf flüssige oder pulverige Lebensmittel ausgelegt ist. Ich schätzte, dass zwei Klötze ungefähr eine halbe cup sein müssten, damit waren wir bei rund 180 Gramm, aber ich hatte keine Lust, diese Mini-Spinatmenge extra zu kochen. Das musste sich doch unkomplizierter und zuverlässiger ermitteln lassen?

Zurück am Rechner entdeckte ich bei der Recherche eine Website, die für viele Lebensmittel die cup-Menge als Gewicht angibt. Demnach entspricht 1/2 cup gekochter Spinat 225 Gramm. Macht es eigentlich einen Unterschied, ob der Spinat vor dem Kochen gefroren war? Zur Bestätigung suchte ich weiter und fand eine andere praktische Quelle, die allerdings 95 Gramm angab – was für ein Unterschied!

Die Aufträge für diesen Kunden bearbeite ich mit einer Kollegin zusammen, und gemeinsam überlegten wir, dass gekochter Spinat naturgemäß eine Menge Wasser enthält, das selbst ein gewisses Gewicht mitbringt. Wir hielten uns daher an den höheren Wert und trugen „ca. 200 Gramm“ als Spinatmenge ein.

Zweiter Knackpunkt: Paprika – Streifen oder Würfel?

Auch die rohe Paprika war als 1/2 cup angegeben. Ich konsultierte flugs die praktische Website, die ich beim Spinat gefunden hatte, und stand vor dem nächsten Rätsel. Für Paprika musste ich dort nämlich wählen zwischen „cup, chopped“, also gewürfelt, und „cup, sliced“, also Streifen. Ein gravierender Unterschied, denn 1/2 cup ergibt für Paprikawürfel 74,5 Gramm, für Paprikastreifen 46 Gramm. Aber über das „Schnittmuster“ schwieg sich meine amerikanische Grafik natürlich aus.

Meine Kollegin und ich beschlossen, mit Paprika in Stücken zu arbeiten. Unsere Überlegung war, dass man in den meisten Fällen sicher Würfel bzw. Stücke geliefert bekommt, wenn man jemanden ohne weitere Angaben bittet, Paprika kleinzuschneiden.

Dritter Knackpunkt: „Pumpkin pie“

Die härteste Nuss aber war der Kürbiskuchen, „pumpkin pie“: 1 Stück, im Laden gekauft, sollte es sein. Natürlich hätten wir das einfach übersetzen können, doch der deutschen Zielgruppe hätte das nichts genützt. Schließlich ist Kürbiskuchen hierzulande recht exotisch und gehört nicht zum Standardsortiment der Geschäfte. Wir mussten uns also etwas anderes einfallen lassen.

Einfach nur Kürbis? Den isst man allerdings nicht roh, aber wie viel Vitamin A geht beim Kochen verloren? Viel zu kompliziert. Ein anderes Lebensmittel musste her, das rund die Hälfte des täglichen Vitamin-A-Bedarfs deckt, so gab es unsere Grafik für den Kürbiskuchen an. Noch aufwändiger wurde die ganze Sache dadurch, dass es nicht das Vitamin A gibt, sondern verschiedene Vorstufen (vor allem β-Carotin) von Vitamin A zu Retinolaktivitätsäquivalenten zusammengefasst werden. Als Vergleichsgröße dienten uns die in der Grafik genannten rohen Möhren, die mit 1/2 cup ebenfalls bei 50 Prozent landeten.

Bonus-Problem: Wir brauchten eine sinnvoll verzehrbare Menge. In der Grafik stand zwar bei den Möhren ganz klein „1/2 cup“, aber die Textdatei, die wir zum Übersetzen erhalten hatten, führte uns mit einem Übertragungsfehler in die Irre. „2 cup“ hieß es dort, und aufgrund dieser fehlerhaften Vergleichsgröße landeten wir mit unseren Berechnungen zwischenzeitlich bei 1,5 Kilogramm Kürbis. Diese Menge schien uns selbst für das Land der XXL-Portionen allzu üppig für ein Kuchenstück!

Wir sahen uns nach einem unkomplizierteren Alternativgemüse um, das alle Anforderungen erfüllte. Am Ende machte der Grünkohl das Rennen: ebenfalls reich an Vitamin A und eine feste Größe in deutschen Töpfen. Wir gaben für die Grafik 60 g rohe Möhren und 120 g gekochten Grünkohl an.

Jetzt musste nur noch die Grafik selbst geändert werden, die für die pumpkin pie ein Kuchenstück zeigte; diesen Hinweis lieferten wir mit der Übersetzung. Auch wenn wir nur den Text bearbeiten, müssen wir doch darauf achten, dass Text und Bild am Ende ein stimmiges Ganzes ergeben.

Übersetzung? Lokalisierung!

Eine gute Übersetzung zeichnet sich dadurch aus, dass sie in der Zielkultur dieselbe Wirkung erzielt wie das Original. Um eine solche Wirkungsgleichheit herzustellen, reichte es in diesem Fall nicht aus, die Inhalte zu übersetzen, wir mussten sie an die Zielkultur anpassen und dazu zum Teil sogar austauschen. Diese Anpassung nennt man Lokalisierung. (Nicht immer ist sie so aufwändig wie in diesem Fall!)

Übersetzungen werden normalerweise nach Textmenge bezahlt, wir haben hier nach Zeit abgerechnet: Es dürfte offensichtlich sein, dass kein anderer Abrechnungsmodus dem Arbeitsaufwand für eine Lokalisierung in diesem Umfang gerecht geworden wäre. Für den Kunden lohnen sich die Mehrkosten, denn nur die lokalisierte Fassung der Grafik ist für die anvisierte deutsche Zielgruppe aussagekräftig. „Eine halbe Tasse Spinat“ und „ein Stück handelsüblicher Kürbiskuchen“ wären zwar billiger gewesen, hätten aber nur Unverständnis und Kopfschütteln hervorgerufen – und dem Image meines Kunden damit eher geschadet als genützt.

Dieser Beitrag ist das Ergebnis des „Blogwichtelns“, eine alljährliche Aktion meines Lieblings-Netzwerks Texttreff. Wer mag, findet dort noch viele weitere tolle Texterinnen für knifflige Aufgaben zu allen Themen, die man sich ausmalen kann.

Diplom-Fachübersetzerin Katja Heimann-Kiefer textet, lektoriert, übersetzt und bloggt. Ihre Schwerpunkte sind IT und Sterilgutversorgung. 2017 hat sie außerdem einen Unterhaltungsroman veröffentlicht.

1 Kommentare

  1. diealex sagt:

    Hallo,
    total spannend! Vielen Dank für diesen Einblick in die Tücken des Übersetzens 🙂
    Viele Grüße,
    die Alex

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