Nachhaltigkeitscamp Bonn 2017 Sessionplan

NachhaltigkeitsCamp Bonn 2017 – reichlich Ernährungsthemen!

Ca. 150 TeilnehmerInnen tummelten sich am vergangenen Freitag in 30 Sessions auf dem 2. NachhaltigkeitsCamp in Bonn. Ich hatte mich vorab auf einen Blick über den Tellerrand eingestellt (vielleicht mal was über E-Mobilität, Fairphones oder nachhaltige Geldanlagen lernen); aber dazu kam es dann kaum, weil es so viele Ernährungs- und Lebensmittelthemen gab (bzw. interessante Menschen, um darüber in den Pausen zu sprechen). Letztendlich habe ich es in 4 Sessions geschafft, aus denen ich ganz unterschiedliche Gefühle und Ideen mit nach Hause genommen habe. Schwer beeindruckt haben mich außerdem die vielen hoch motivierten Leute, die nicht einfach faul auf dem Sofa liegen und darauf warten, dass „die da oben“ sich schon kümmern werden, sondern selber aktiv sind und für ihre Sache brennen.

Der Ernährungsrat Köln – auch ein Modell für Bonn?

Die für mich spannendste Session drehte sich um die Vision des Ernährungsrat Köln und Umgebung: „Wie ernährt sich Köln im Jahr 2025 nachhaltig und regional?“ Dahinter stecken der Wunsch und die Überzeugung, dass es möglich sein muss, der Ernährungspolitik auf EU-, Bundes- und Länderebene in der eigenen Stadt aktiv und konstruktiv etwas entgegenzusetzen. Ernährungsräte wollen

die Ernährungspolitik zurück in die Regionen holen, auf die kommunale Ebene. Ernährungsräte forcieren einen aktiven Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Erzeugern, Vertrieben und dem Verbraucher, um so langfristig und nachhaltig die Strukturen einer regionalen Lebensmittelversorgung zu stärken.

In Köln wurden die ersten Weichen dazu vor zwei Jahren gestellt. Wie das Ganze funktioniert und welche Projekte bereits laufen, erklärte Anna Wissmann. Dort besteht der Ernährungsrat aus je 10 Vertretern aus Wirtschaft (z. B. Bauern, Metzger, Gastronomen), Politik und Verwaltung (z. B. Umwelt-, Jugendamt)  und der Zivilgesellschaft (z. B. Foodsharing, Slow Food, Filmemacher). Die eigentliche Arbeit passiert derzeit in vier Ausschüssen, die die vom Ernährungsrat vorgegebenen Ziele verfolgen:

  • „Köln is(s)t regional“ – Mit einer Veranstaltungsreihe wird für Genuss, Wertschätzung und Regionaliät sensibilisiert und über den Zusammenhang mit der Welternährung aufgeklärt.
  • „Regionale Direktvermarktung“ – Durch neue Absatz- und Bezugsmöglichkeiten sollen kleine Erzeugerbetriebe in der Region gestärkt und Köln zu einer Genussregion ausgebaut werden.
  • „Ernährungsbildung, Schulverpflegung und -gärten“: Setzt Projekte um, durch die Kinder den Anbau, die Zubereitung und Wertschätzung von Lebensmitteln kennenlernen und so ihr Konsumverhalten nachhaltig ändern sollen.
  • „Zukunft der Lebensmittelproduktion in der Stadt“ – Möchte den Erhalt von Flächen für die urbane Landwirtschaft sichern, städteplanerische Aspekte der Ernährung und neue, innovative Ideen und Lösungen für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion in der Stadt bringen.

 

Zoe Henschkel (li) und Anna Wissmann (re) über das Konzept des Ernährungsrat Köln
Zoe Henschkel (li) und Anna Wissmann (re) über das Konzept des Ernährungsrat Köln und Umgebung

Das eigentlich Spannende dieser Session war aber nicht, zu hören, was die Kölner schon auf die Beine gestellt haben, sondern die Frage: Geht so etwas auch in Bonn? Und sitzen in dieser Runde vielleicht sogar Menschen, die dabei mitmachen würden? Das fragte sich auch Gesa Maschkowski, die sich als einer der Köpfe von Bonn im Wandel bestens auskennt und reichlich Erfahrung mit „der Stadt“ hat. Am Ende der Session füllte sich auf jeden Fall eine Liste mit Email-Adressen und ich muss zugeben, meine landete auch drauf… Nun bin ich gespannt, wie es weitergeht, ob sich diese Veranstaltung tatsächlich als Kick Off für einen Ernährungsrat Bonn entpuppen könnte.

Regionalwert AG – Eigenkapital für regionale Biobetriebe

Um regionale Strukturen und deren Finanzierung ging es in der Session von Dorle Gothe. Sie stellte die Regionalwert AG Rheinland vor. Wer mindestens 600 Euro „übrig“ hat (so viel kostet eine Aktie), kann deren Bürgeraktien kaufen, mit denen Bio-Betriebe im Raum Köln-Bonn, Eifel, Bergisches Land, Aachen, Düsseldorf und Leverkusen unterstützt werden sollen. Die Idee stammt aus Freiburg, wo sie aktuell ca. 650 Aktionäre und ca. 25 Partnerbetriebe zusammengebracht hat. Das erst im letzten Jahr an den Start gegangene Pendant im Rheinland hat mittlerweile 100 Aktionäre und die ersten Betriebe im Boot. Die Hintergründe und das Grundprinzip des Konzepts erfährt man schnell und unterhaltsam im Trickfilm. Unterm Strich geht es darum, Geld in nachhaltige Betriebe der biologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft zu investieren. Und es geht nicht nur um die Sammlung und Bereitstellung von Kapital, sondern um die regionale Vernetzung von Landwirten, Händlern und Gastronomen und die Schaffung von Strukturen, die eine wirtschaftliche Erzeugung und Vermarktung von nachhaltigen Lebensmitteln ermöglichen.

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https://youtu.be/wzoIIq8w6Is

Zero Waste: Refuse, Reduce, Reuse, Recyle, Rot

Stina Wrexler erklärte in ihrer Session, was hinter der Idee von Zero Waste steckt (am besten gar keinen Müll erzeugen) und wie sich ihr Alltag dadurch verändert hat. So lehnt sie z. B. im Sinne von „refuse“ mittlerweile materielle Geschenke ab und wünscht sich stattdessen lieber Obst als Mitbringsel. Hinter „reduce“ stecken Fragen wie „brauche ich (z. B. ein Hausgerät) wirklich selber oder kann ich es irgendwo leihen?“. Eine leere Glasflasche nutzt Stina als Gefäß für neuen Inhalt (reuse) und kaputte Gegenstände repariert sie im Repair-Café. Abfall, der sich wirklich nicht vermeiden lässt, wird recyclet oder kompostiert. Außerdem ist Stina als Lebensmittelretterin und bei Foodsharing aktiv. Mit dem Geld, das sie dadurch für ihre eigene Essensversorgung spart, kauft sie Bio- und Faitrade-Lebensmittel.

Stina hat mich durch ihre tiefe Überzeugung und ihr Engagement sehr beeindruckt. Ich kann mir vorstellen, dass dieser konsequente Ansatz viele Menschen abschreckt, weil er sie überfordert. Das wäre schade, denn jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung zählt und jeder kann für sich einfach da anfangen, wo es für ihn gerade passt. Dazu gibt es z. B. gute praktische Tipps bei Utopia.

Zero Waste - jeder Schritt zählt

Zero Waste – jeder Schritt zählt

Bonn auf dem Weg zu einer Nachhaltigkeitsstrategie

„Die Stadt“ kam übrigens auch zu Wort. Verena Schwarte vom Amt für Internationales und globale Nachhaltigkeit der Stadt Bonn machte ein wenig Werbung für den Nachhaltigkeitsbericht der Stadt Bonn der Anfang 2017 erschienen ist, aber leider zu wenig gelesen werde. Eigentlich wollte sie die Teilnehmer ihrer Session dazu motivieren, in Kleingruppen Antworten auf zwei Fragen zu finden: Wie kann die Umsetzung dieser Strategie durch externe Akteure unterstützt werden? Wie kann das Thema in der Stadt, bei den Bonner Bürgern, in den Bonner Unternehmen vorangebracht werden? Leider hatten die Teilnehmer dazu keine Lust, wohl auch deshalb, weil viele den Eindruck haben, dass die Stadt sich zwar mit dem Siegel der Nachhaltigkeit schmückt, aber konkret wenig geregelt bekommt (z. B. Stichwort Fahrradhauptstadt 2020).

Nachhaltigkeitsbericht 2012 - 2015 der Stadt Bonn
Nachhaltigkeitsbericht 2012 – 2015 der Stadt Bonn