Das (wahrscheinlich) nachhaltigste Kochbuch der Welt

Das (wahrscheinlich) nachhaltigste Kochbuch der Welt?

Seine Erfinder, die Gründer des Startups Feierabendglück, bezeichnen es als „Das (wahrscheinlich) nachhaltigste Kochbuch der Welt“. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall steckt viel Nachhaltigkeit im Gesamtkonzept. Sein Kern ist ein Kochbuch, das in Wahrheit eine Rezeptkartensammlung in der Dose ist. Es ist vollständig biologisch abbaubar (die Karten) bzw. recyclebar (die Weißblechdose). Von jedem Kauf gehen 1,50 Euro an die Genossenschaft BioBoden, die damit Land für den Bioanbau in Deutschland erwirbt. Wie das alles funktioniert, wird auf den „Greencards“ erklärt. Dort finden sich dann auch die Links zu den Webseiten der Kooperationspartner mit Anregungen für “ grüne Finanzen, nachhaltigen Konsum oder Urlaub mit gutem Gewissen“.

Die findet man natürlich auch auf den zugehörigen Seiten der Jungunternehmer im Internet, inklusive Shop und einer weiteren interessanten Geschäftsidee, der Feierabendtüte. Die können Unternehmen im Abo bestellen und ihre Mitarbeiter so einmal pro Monat mit den kostenlosen Zutaten für ein Feierabendrezept beschenken. Eine super Idee, wenn es denn derart spendable Unternehmen gibt. Überhaupt ist das ganze Konzept rund und schön, mir allerdings zum Teil etwas zu werblich. Jedenfalls, wenn man den Fokus auf’s Kochen legt. Aber das Ganze soll eben mehr als ein etwas anderes Veggie-Kochbuch sein und vermutlich braucht es die Menge an Partnern, nicht nur, um die Welt zu verändern, sondern auch, um davon leben zu können…

52 Rezepte – vegetarisch, vegan und bio

Da ich keine Expertin für Nachhaltigkeit in allen seinen Facetten, wohl aber für lecker Essen, gesunde Ernährung und saisonale Lebensmittel bin, habe ich mir die Rezepte daraufhin etwas genauer angeschaut. Damit die nachhaltig sind, sind alle vegetarisch und  komplett aus Bio-Zutaten zu kochen. Beherzigt man, was wann Saison hat, soll jedes Essen pro Nase maximal 3,50 Euro kosten. Für ein 100-prozentiges Bio-Essen ist das in Ordnung, denke ich. Und auch die Saisonauswahl der Gemüse ist o.k. Hier hätten für meinen Geschmack noch ein paar mehr (alte) Gemüsearten dabei sein dürfen, die im Winter eine Rolle spielen, z. B. Schwarzwurzeln, Grünkohl oder Steckrüben. Was das für wichtige Alternativen zu Tomaten und Kopfsalat im Winter sind, scheint ja dank aktueller „Gemüsekrise“ so langsam in den Köpfen anzukommen. Man – und vor allem ein nachhaltiges Kochbuch – kann es aber einfach nicht oft genug wiederholen.*

Natürlich ist die Auswahl bei 52 Rezepten recht begrenzt. Mein Vorschlag für die nächste Auflage: Einfach die ein oder andere Variante mit Auberginen oder Kürbis oder einige der simpleren Rezepte wie „Weißer Spargel mit zerlassener Butter, Parmesan und Kartoffeln“ weglassen. Dann entstünde Platz für Zubereitungstipps von Gemüse, das nicht so bekannt ist.

Was mir richtig gut gefällt

Die meisten Rezepte kommen mit wenigen guten Zutaten aus. Alles ist ruckzuck fertig, das schnelle Feierabendglück eben. So kann sich niemand rausreden, keine Zeit oder Lust zum Kochen zu haben. Und auch das Argument „ich kann nicht kochen“ zieht hier nicht: Wem Zutatenliste und Anleitung nicht reichen, der kann sich das zu jedem Rezept gedrehte Kochvideo anschauen. Es zeigt im Zeitraffer, wie alles gemacht wird – ein echter Mehrwert, vor allem für Kochanfänger und Menschen, die auf bewegte Bilder stehen.

Was mir nicht so gut gefällt

In puncto Gesundheit gibt es noch Luft nach oben. Damit werben die Autoren allerdings auch nicht. Trotzdem: Es gibt kein Rezept, das Vollkornmehl oder -getreide enthält. Die Reisgerichte werden mit Basmati-, Jasmin- oder Risottoreis gekocht. Oft gehört das so, keine Frage. Wenigstens eine Variante mit Vollkornreis hätte aber gezeigt, wie sich der verwenden lässt. Außerdem kommt für meinen Geschmack manchmal etwas zu üppig Sahne in die Suppe oder Pastasoße. Und auch beim Öl wird nicht gespart. Da fehlen dann auch schon mal konkrete Mengenangaben. Kein Problem für erfahrene Köche, wohl aber für Anfänger.

Was man denen auch schon auf der Rezeptkarte verraten und nicht erst im Video zeigen sollte ist, dass Butternutkürbis (im Gegensatz zum Hokkaido) zu schälen ist – vermutlich wurde das schlichtweg vergessen. Bei den Videos ist mir übrigens aufgefallen, dass die Teige immer von Hand mit dem Schneebesen gerührt werden. Soll hier Strom gespart werden, weil das nachhaltiger ist? Ich benutze dafür jedenfalls immer einen Mixer 😉

Fertigprodukte als schnelle Zutaten

Geteilter Meinung kann man über Zutaten wie fertigen Quicheteig, Schupfnudeln oder Kürbisnockerl, Grünkernburger- oder Falaffelmischung sein. Ganz ehrlich: Ich benutze auch hin und wieder solche praktischen Helferlein, wenn es schnell gehen muss. Aber irgendwie ist das hier nicht so ganz durchdacht, habe ich den Eindruck. Denn ein Mürbeteig für eine Quiche ist wirklich schnell selbst gemacht und die Zutaten sind immer im Haus. Zehn Wraps backen ist im Vergleich dazu deutlich mühsamer – da greife ich persönlich eher mal zum Fertigprodukt.

Mein Fazit

Ein durchaus gelungenes und sehr sympathisches Gesamtkonzept. Das eigentliche Kochbuch – auch die etwas unübersichtliche Geschichte mit den Karten – überzeugt mich aber nicht komplett. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass es für Leute, die ein wenig zum Kochen geschubst werden müssen und die schnelle vegetarische Rezepte suchen, genau das Richtige ist.

 

*Nachtrag: Gerade habe ich auf der Webseite von Feierabendglück entdeckt, dass bereits eine Erweiterung mit 16 zusätzlichen Karten für Wintergemüse-Rezepte geplant ist. Das finde ich richtig gut!