Komplizierte Materie: Wechselwirkungen zwischen Nahrungs- und Arzneimitteln

Grapefruitsaft und Tabletten – besser nicht!
Foto: Freitag-Ziegler

Neulich verschlug es mich jobtechnisch in die sogenannte Voreifel. Und zwar zu einem Freiraum-Seminar im Seminarhaus von Friedhelm Mühleib. Nicht zur eigenen Weiterbildung – ich bin ja keine Ernährungstherapeutin -, sondern, um die Erkenntnisse daraus für die entsprechend tätigen Kolleginnen und Kollegen zusammenzufassen. Da hatte ich mich auf etwas eingelassen. Denn das Thema lautete Wechselwirkungen zwischen Nahrungs- und Arzneimitteln und entpuppte sich als äußerst kompliziert.

Das fing schon mit der Einteilung der Arzneistoffklassen und wie man sie an bestimmten Silben erkennen kann, an. So steht z. B. -pril immer für ACE-Hemmer, gli- für Antidiabetika, -olol für Betablocker usw. Über eine Strecke von zwei Tagen und insgesamt 149 Powerpoint-Charts klärte uns Dr. Markus Zieglmeier detailreich darüber auf, wie die Ernährung (z. B. der Füllungszustand des Magens) und bestimmte Lebensmittel (z. B. Säfte, Kaffee, Rotwein) die Wirkung von (bestimmten oder gleich ganz vielen) Medikamenten beeinflussen können. Doch auch in die andere Richtung gibt es viel zu wissen und zu beachten: Viele Arzneimittel wirken sich auf das Essen und Trinken aus, z. B. indem sie den Appetit oder den Geruchssinn beeinflussen. Für letzteres hatte Zieglmeier beeindruckende Fachbegriffe parat. So bezeichnet z. B. „Phantosmie“ die Wahrnehmung von Düften, die gar nicht da sind und „Kakosmie“ die Wahrnehmung von üblen Gerüchen. Offensichtlich lösen viele Arzneimittel solche Fehlwahrnehmungen aus. Das scheint ein großes Problem in der Geriatrie zu sein, vor allem, wenn sich die Betroffenen nicht mehr klar ausdrücken können, dass bzw. warum es ihnen nicht mehr schmeckt.

Hut ab, Ernährungsberaterinnen!

Hin und wieder wurde der Referent durch die schlauen Fragen meiner Mit-Zuhörerinnen unterbrochen. Diese Fragen zeigten mir, wie intensiv sich die meisten von ihnen schon mit diesem Thema beschäftigt hatten. Viele sehen sich in ihrer Beratungspraxis regelmäßig Patienten gegenüber, die täglich ganze Medikamentencocktails nehmen müssen. Da gilt es dann, den nötigen Überblick zu bekommen und manchmal auch behutsam gegenzusteuern. Z. B. wenn es zu wahren Verschreibungskaskaden kommt (haarsträubende Beispiele dazu skizzierte Zieglmeier nebenbei an die Tafel), bei denen sich Wirkungen und Nebenwirkungen scheinbar verselbständigen.

Hier ein paar Beispiele, worum es geht. Genaueres lernt man z. B. auf einem Wochenende in der Voreifel, wo es aber auch ansonsten sehr nett ist (und man außerdem noch lecker und gesund bekocht wird).

10 Beispiele, wie sich Medikamente und Ernährung gegenseitig beeinflussen

  1. Sollen Schmerzmittel schnell wirken, nimmt man sie auf nüchternen Magen mit viel Wasser (sonst bleiben sie im vollen Magen hängen und wirken erst nach Stunden).
  2. Auch magensaftresistente Tabletten nimmt man auf nüchternen Magen. Dann befördern sie die „Putzwellen“ bald hinaus in den Zwölffingerdarm. Jede Zwischenmahlzeit verhindert diesen Prozess.
  3. Für Medikamente in der Osteoporosetherapie gilt ein strenges Einnahmeritual (ein bis zwei Stunden vor dem Frühstück schlucken und dann nicht mehr hinlegen). So wird verhindert, dass sie Komplexe mit Calcium oder Magnesium bilden.
  4. Nehmen Patienten bestimmte Psychopharmaka, verzichten sie am besten ganz auf Kaffee und schwarzen Tee. Die Gerbstoffe darin bilden auch Komplexe.
  5. Medikamente sollten nie zusammen mit Fruchtsäften genommen werden, weil dadurch ihre Bioverfügbarkeit sinken kann.
  6. Grapefruitsaft vermindert noch nach drei Tagen den „First-Pass-Effekt“ und führt so zu einer schwer kalkulierbaren, erhöhten Wirkung vieler Medikamente.
  7. Für Alkoholiker ist Paracetamol tabu, weil sich bei ihnen ein leberschädigendes Zwischenprodukt ansammelt.
  8. Raucher benötigen bei manchen Medikamenten das Doppelte, weil das Benzpyren im Tabakrauch ihren Abbau beschleunigt. Hören sie plötzlich mit dem Rauchen auf, muss man die Dosierung neu anpassen, damit es nicht zu Nebenwirkungen kommt.
  9. Nimmt ein Patient unter einer Medikamententherapie zu, kann das an einer appetitsteigernden Wirkung liegen, muss aber nicht. Nicht selten hängt das auch mit der Erkrankung selbst zusammen (z. B. Bewegungsmangel).
  10. Alte und hochbetagte Menschen nehmen oft ab, z. B. weil sie nicht mehr gut kauen/schlucken können oder depressiv sind. Es können aber auch Medikamente schuld sein, die den Geschmacks- oder Geruchssinn beeinträchtigen.