Rezension „Lebensmittel-Lügen“ – Verbraucherzentrale fordert klare Lebensmittelkennzeichnung

Ratgeber Verbraucherzentrale
Foto: Verbraucherzentrale NRW

Ich kenne ich mich in der Lebensmittelkennzeichnung ganz gut aus und lasse mich von Bauernhofbildern auf Leberwurst oder bunten Früchten auf Teebeutel-Tee nicht so schnell hinters Licht führen. Aber das genau ist das Problem. Denn ich weiß berufsbedingt einfach mehr als Erna Kasubke oder Horst Müller. Und die lassen sich durch solche geschickt von der Lebensmittelindustrie platzierten Bildchen schon eher beeinflussen. Das und andere Lebensmittel-Lügen findet die NRW-Verbraucherzentrale gar nicht lustig und hat dem Thema daher einen fast 250 Seiten starken Ratgeber gewidmet. Er ist eine gelungene Mischung aus den aktuellen rechtlichen Grundlagen und vielen seit 2011 im Portal Lebensmittelklarheit gesammelten Beispielen zu irreführenden Kennzeichnungen.

Das fordern die Verbraucherzentralen zur Lebensmittelkennzeichnung

Das Ganze liest sich (leider) oft wie ein Krimi, endet aber nicht mit dem Aufdecken und Anprangern von Missständen, sondern mündet immer wieder in konkrete „Das fordern die Verbraucherzentralen“, z. B.

Die Bezeichnung sollte immer klar und deutlich auf der Vorderseite der Verpackung stehen! Erst dann können Sie am Regal sofort erkennen, welche Lebensmittel Ihnen bunt und werblich aufgepeppt angeboten werden. Damit wäre ein Großteil der Missverständnisse beim Kauf aus dem Weg geräumt – für den Gesetzgeber eigentlich ein einfaches Mittel, wenn er es mit dem Verbraucherschutz ernst nimmt.

Anspruchsvolle Kunden als kritische Nervensägen

Und immer wieder appellieren die Autoren auch ganz eindringlich an ihre Leser, nachzubohren, wenn ihnen beim Einkaufen irgendetwas unklar ist oder sie sich getäuscht fühlen. Das gefällt mir gut, denn es lässt hoffen, dass jeder für sich vielleicht auf die Praktiken der „bösen“ Industrie Einfluss nehmen kann. Denn schließlich ist der Kunde König. Und außerdem gehören zum Täuschen und Tarnen zwei: Einer, der täuscht und tarnt, und einer, der sich das klaglos gefallen lässt. Ich stelle mir nach der Lektüre dieses Buches daher gerne eine Flut an Verbrauchern vor, die die Verkäufer im Handel oder die Hotlines der Hersteller nervt, wenn sich zum Beispiel die Zusammensetzung eines Lebensmittels nicht auf den ersten Blick offenbart:

… sollten sie das Verkaufspersonal konsequent mit Nachfragen löchern, wenn sie etwas zur Zusammensetzung, Herstellung und Herkunft der Produkte wissen wollen.

Ich stelle mir aber auch gerne eine „gute“ Lebensmittelindustrie bzw. vorbildliche Händler vor, die ihre Lebensmittel so gesund und lecker herstellen, mit solchen hochwertigen Zutaten ausstatten und so transparent präsentieren, dass es gar keine Notwendigkeit gibt, all die vielen kleinen Schlupflöcher der Lebensmittelkennzeichnung auszureizen, um den wahren Kern der Produkte zu verschleiern. Auch dafür gibt es heute schon viele gute Beispiele, aber die finden sich natürlich nicht in diesem Buch. Das lebt schließlich von der Aufdeckung der „bad news“. Es lebt aber auch von der umfassenden Darstellung des Themas, die wirklich Antworten auf fast alle Fragen gibt. Ein kurzweiliges Lesebuch – allerdings nicht zur Entspannung vor dem Einschlafen geeignet – und/oder ein übersichtliches Nachschlagewerk für alle, die sich privat oder beruflich für die Lebensmittelkennzeichnung interessieren.

Lebensmittel-Lügen – Wie die Food-Branche trickst und tarnt
3. Auflage Februar 2016, Verbraucherzentrale NRW, Düsseldorf
ISBN 978-3-86336-053-5
14,90 Euro