Neues Positionspapier zu einem umstrittenen Krankheitsbild: Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizen-Sensitivität (NCGS)

Neues Positionspapier zu einem umstrittenen Krankheitsbild: Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizen-Sensitivität (NCGS)

Seit einigen Jahren ist Gluten in aller Munde bzw. meinen immer mehr Menschen, sie müssten auf glutenhaltige Getreide verzichten. Leiden sie womöglich an einer Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizen-Sensitivität (= NCGS)? Hinter diesem Zungenbrecher verbirgt sich eine Krankheit, die es vielleicht gar nicht gibt. Trotzdem hat sie in den letzten Jahren den Hype um eine glutenfreie Ernährung mit vorangetrieben. Danach sollen nicht nur die 0,5 bis 1 Prozent der Deutschen, die eine nachgewiesene Zöliakie haben, glutenhaltige Getreide wie Weizen und Roggen meiden, sondern auch Menschen mit diversen Bauchbeschwerden. Die könnten nämlich an besagter NCGS leiden, also an einer irgendwie anders zu erklärenden Überempfindlichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gluten oder Weizen.

Eine Hypothese, die bisher keiner nach allen Regeln der Wissenschaftskunst nachweisen konnte. Das gilt auch für Patienten mit Reizdarmsyndrom. Trotzdem boomt der Markt für glutenfreie Lebensmittel seit Jahren. Heute gibt es glutenfreie Nudeln, Pizza oder Kekse in jedem gut sortierten Supermarkt oder Discounter. Und von denen erhoffen sich nicht nur Menschen mit Blähbauch oder unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit Besserung. Sogar zum Abnehmen kaufen manche solche Produkte. Damit schaden sie nicht nur ihrem Portemonnaie, sondern im schlimmsten Fall ihrer Gesundheit.

Nun gibt es ein Positionspapier zur Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizen-Sensitivität, das Problematik und Lösungen auf den Punkt bringt. Es wurde von Dr. Imke Reese als Erstautorin geschrieben. Sie ist Oecotrophologin und Ernährungsfachkraft Allergologie und kämpft seit Jahren für eine wissenschaftlich unabhängige Betrachtung der NCGS. Unterstützt wurde sie von einer langen Liste von Co-Autoren aus renommierten Kliniken und Hochschulen.

Mit dieser Stellungnahme haben Ernährungsberater und Ernährungstherapeuten nun eine gute Grundlage für die Arbeit mit ihren Patienten. Dazu gehört als allererstes eine umfassende Differentialdiagnostik.

Grafik Differentialdiagnostik
Wichtige Diferenzialdiagnosen bei Verdacht auf Nicht-Zöliakie-Gluten/
Weizen-Sensitivität (NCGS) umfassen verschiedene Krankheitsbilder
einschließlich funktionale oder entzündliche Darmerkrankungen, Allergien,
Enzymdefekte/ Malabsorptionen und Autoimmunerkrankungen. (1)

Dr. Imke Reese erklärt, warum eine gute Diagnostik so wichtig ist:

Uns ging es in dem Positionspapier darum, Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass eine glutenfreie Ernährung nicht „die gesündere Ernährung“ ist. Solch eine strenge Auslassdiät ist nur dann sinnvoll, wenn es einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen dem Verzehr des verdächtigten Lebensmittels und den beobachteten Beschwerden gibt.

Viel zu häufig wird eine glutenfreie Ernährung bei unklaren gastrointestinalen Symptomen empfohlen. Oder die Betroffenen verzichten auf eigene Veranlassung auf glutenhaltige Lebensmittel, ohne dass der kausale Zusammenhang überprüft wurde. Ob Gluten wirklich der Auslöser ist, konnten bisherige Studien nur schwer nachweisen, weil viele Betroffene auf Placebo und Gluten reagieren. Oft provoziert allein schon die Erwartung einer Reaktion eine solche (Nocebo-Effekt).

Liegt wirklich eine Zöliakie vor, ist die Umstellung auf glutenfreie Kost eindeutig indiziert. Doch jeder, der Zöliakie-Betroffene berät, weiß, dass es in der therapeutischen Begleitung dieser Patienten nicht nur darum geht, glutenfrei zu essen: Um bekannte Folgeerkrankungen bei Zöliakie zu verhindern, ist eine gemüsebetonte Kost mit ausreichend Fett und Eiweiß zu bevorzugen. Wer sich dagegen auf eigene Faust glutenfrei ernährt, sucht in der Regel keine Ernährungsfachkraft auf und weiß meist nichts von den Risiken und Nachteilen dieser Ernährung. Außerdem kann eine möglicherweise zugrunde liegende Zöliakie nicht mehr diagnostiziert werden, wenn kein oder nur noch wenig Gluten gegessen wird. Und das bei einer Dunkelziffer von etwa 90% im Erwachsenenalter!

Zu guter Letzt bedeutet Einschränkung immer auch Verlust an Lebensqualität. Solange Gluten nicht eindeutig als „Schuldiger“ identifiziert ist, macht eine glutenfreie Ernährung keinen Sinn!

Fazit: Erst den Ursachen von Beschwerden auf den Grund gehen. Scheint es einen Zusammenhang zu bestimmten Lebensmitteln zu geben, führt der nächste Gang zum Arzt und/oder zu einer zertifizierten Ernährungsfachkraft. Auf keinen Fall einfach so auf ganze Lebensmittelgruppen verzichten. Das gilt übrigens nicht nur für Gluten, sondern genauso für den Milchzucker Laktose oder allergieauslösende Lebensmittel.

(1) Quelle: Reese I. et al.: Non-celiac gluten/wheat sensitivity (NCGS) – a currently undefined disorder without validated diagnostic criteria and of unknown prevalence. Position statement of the task force on food allergy of the German Society of Allergology and Clinical Immunology (DGAKI). Allergo J Int 2018; 27:147–51
https://doi.org/10.1007/s40629-018-0070-2