Cover Springer VS Ernährung in Sozialen Medien

Rezension: „Ernährung in Sozialen Medien“

Ernährung in den Sozialen Medien? Dazu gibt es bisher nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen, doch es werden immer mehr. Daher war ich sehr neugierig als das gleichnamige Buch herauskam. Denn seit ich das Bundeszentrum für Ernährung als Online-Redakteurin für die Rubrik Ernährungskommunikation unterstütze, beobachte ich genauer als vorher, was in den sozialen Netzwerken passiert. Eine ganze Menge! Und wer über Ernährung und Lebensmittel redet und schreibt, kann sich dem nicht entziehen.

Trotzdem gibt es immer noch ErnährungsexpertInnen, die sagen: „Damit habe ich nix am Hut“. Vor allem denjenigen lege ich das Buch von Eva-Maria Endres ans Herz. Sie bekommen einen Überblick darüber, wie die Sozialen Medien funktionieren und welche Themen dort verhandelt werden. Hier ein paar Aspekte, die ich besonders spannend finde:

Vom Scheitern der Ernährungskommunikation

In diesem Kapitel erklärt Eva-Maria Endres, warum sich die meisten Menschen partout nicht an die gängigen Ernährungsempfehlungen halten wollen. Und das, obwohl DGE, BZfE und andere Organisationen seit Jahrzehnten „predigen“, wie es geht. Unterstützt von solchen ExpertInnen wie mir, die letztendlich in der gleichen Tradition über eine ausgewogene Ernährung aufklären. Offensichtlich funktioniert das Ganze nicht,

  • weil bisher alles Naturwissenschaftliche im Vordergrund stand und kulturelle und soziale Aspekte außen vor blieben,
  • weil Experten ihr Fachwissen über das Alltagswissen von Verbrauchern stellen,
  • weil es unrealistisch ist, den Menschen als mündigen Verbraucher zu sehen, der rational entscheidet, was er isst und trinkt,
  • weil sich widersprechende Ernährungsinformationen die Menschen zutiefst verunsichern.

Hier bieten die Sozialen Medien die Chance, sich auf Augenhöhe mit den Menschen zu begeben, die dort nach Rat, Hilfe und Austausch suchen. Sie sind ein Teil der realen Welt und verraten, was die Menschen bewegt, welche Art der Ansprache ankommt und warum Empathie, Humor und Persönlichkeit mindestens so wichtig sind wie Fachwissen.

Gesundheit, Abnehmen, Essstörungen, Ökologie und Genuss

Um die Themen zu sortieren, hat Eva-Maria Endres fünf Kategorien gebildet, die in den Sozialen Medien die Hauptrollen spielen: Gesunde Ernährung, Übergewicht und Abnehmen, Essstörungen, Ökologische Ernährung, Foodies und Genuss. Studien haben beispielsweise untersucht, inwieweit Soziale Medien und Online-Tools geeignete Werkzeuge sind, um Menschen zu einem gesünderen Lebensstil zu motivieren. Oder um sie beim Abnehmen zu unterstützen. Hier gibt es erste positive Ergebnisse: Übergewichtige profitieren von einem regelmäßigen und langfristigen Austausch mit der Community. Sie stützen sich gegenseitig in der Erreichung ihrer Ziele, verarbeiten Rückschläge und halten zusammen gegen Stigmatisierungen von außen.

Andere Untersuchungen haben sich den Hashtag #fitspiration auf Instagram angeschaut und festgestellt: Posts mit diesem Hashtag können die Unzufriedenheit mit der Figur und vielleicht sogar Essstörungen fördern. Wer daraus den Schluss zieht, die sozialen Medien seien grundsätzlich gefährlich, macht es sich zu einfach. Sie bergen – wie so vieles – Chancen und Risiken, wie die Autorin mit verschiedenen Fallstudien zeigt.

Soziale Medien als Chance für Ernährungsexperten

Ernährung und Gesundheit gehören zu den beliebtesten Themen in den Sozialen Medien. Leider äußern sich dazu nicht nur „echte“ Experten, sondern viele selbsternannte, die beispielsweise Vitaminpräparate empfehlen, ohne auf mögliche Risiken einzugehen oder vorab zu einer Bestimmung des Vitamin-Status im Blut raten. Trotzdem genießen Blogger mit großer Reichweite oft ein hohes Ansehen. Manche veröffentlichen sogar erfolgreiche Ratgeber-Bücher mit mehr oder weniger gesicherten Aussagen. Es nützt wenig, sich darüber aufzuregen. Stattdessen sollten Ernährungsexperten und Organisationen die Möglichkeiten der Sozialen Medien nutzen und ihre Expertise in den Ring werfen. Zum Beispiel durch Antworten auf Fragen oder Kommentare und durch gegenseitiges Vernetzen. Eva-Maria Endres beschreibt hierzu ein paar wichtige Grundlagen über die richtige Art der Kommunikation. Und sie zeigt weitere Chancen auf, die die Sozialen Medien über das pure Verbreiten von Ernährungsinformationen hinaus für Ernährungswissenschaftler bieten.

Fazit

Dieses Buch ist kein Ratgeber für Einsteiger, liefert dennoch hier und da ein paar praktische Tipps. Im Vordergrund steht die Rolle der Sozialen Medien in der Ernährungskommunikation: Wie ist die wissenschaftliche Studienlage? Was können wir aus Fallbeispielen lernen? Damit holt Eva-Maria Endres Skeptiker und Menschen, die sich bisher wenig mit der Thematik beschäftigt haben, ins Boot. Sie fordert zur Diskussion und zu weiteren Forschungen auf. Einziger Kritikpunkt: Einige Studien liegen schon viele Jahre zurück und auch manche Fallbeispiele sind bereits etwas älter. So liefern sie vielleicht nicht die aktuellsten Zahlen und Ergebnisse, geben aber trotzdem interessante Einblicke in die grundlegenden Mechanismen.

Für diese Buchbesprechung habe ich keinerlei Gegenleistungen erhalten. Ich bedanke mich aber beim Springer-Verlag für die Bereitstellung eines kostenlosen Rezensionsexemplares.

Quelle Cover: Springer VS