Vegetarier werden ist gar nicht so einfach…

Schon seit Tagen drücke ich mich um den geplanten Blogbeitrag zu unseren Erfahrungen mit dem Fleischfasten herum. Der Grund? Ich hätte ja sehr gerne geschrieben, dass wir (die Tochter und ich) das ganz easy hinbekommen haben, auch über Ostern hinaus einfach dabei geblieben und nun stolze Vegetarier sind. Leider stimmt das aber nicht. Das Ganze gestaltete sich doch viel schwieriger als ich mir gedacht hatte. Dabei habe ich selbst es noch nicht einmal so genau genommen wie die Tochter, weil ich nach Plan A Süßigkeiten gefastet und nach Plan B nur zu – sagen wir mal 85 Prozent – auf Fleisch verzichtet habe.

Was waren die größten Herausforderungen? Auf dicke Schnitzel oder Fleischbuletten verzichten? Gar kein Problem. Käse statt Wurst aufs Brot? Grundsätzlich auch o.k. und sowieso sehr gerne. Aber hin und wieder mal eine Scheibe Fleischwurst oder Kochschinken zur Abwechslung – die habe ich mir denn doch gegönnt. Auch Spaghetti Carbonara ohne Schinken funktioniert natürlich nicht, deftige Linsensuppe ohne Mettwürstchen ist nicht wirklich deftig und für manch lecker Soße braucht es auch Fleisch, das kräftig angebraten wird und dann lange vor sich hin schmurgeln darf. Dabei fiel unser Abstecher in den Vegetarismus noch nicht einmal in die Grillsaison. Ich kann mir schon gut vorstellen, wie mir das Wasser im Munde zusammen läuft, wenn die Nachbarn rundherum den Grill anschmeißen. Klar, kann man auch Fisch und Gemüse grillen, aber dann darf nicht nebendran das Fleisch brutzeln. Das verdirbt einem dann irgendwie alles.

Vegetarisch funktioniert auf Dauer nur mit den richtigen Rezepten

Unterm Strich haben wir wohl genau das zu spüren bekommen, was eben nicht geht: Einfach nur auf Fleisch und Wurst verzichten und ansonsten so weiterkochen wollen wie sonst. Es braucht schon die richtigen Rezepte oder Ideen, die nicht einfach nur „ohne Fleisch“ sind, sondern kreativ und vom Grundsatz her anders. Damit meine ich jetzt nicht Sojaschnetzel oder Tofu. Weil ich erstere nicht wirklich lecker finde und mit letzterem bisher auf Kriegsfuß stehe (obwohl ich streng nach Rezept damit herum experimentiert habe). Aber Hülsenfrüchte sind eine super Alternative. Die bieten sich in diesem Jahr sowieso an, weil 2016 „Jahr der Hülsenfrüchte“ ist und man sowieso überall darüber stolpert. Bei mir gab es z. B. gelbes Erbsenpüree zu türkischen Sesamkringeln, ein Blumenkohl-Curry mit roten Linsen und Basmatireis und ein Gericht aus Kircherbsen mit Spinat. Den Hülsenfrüchten widme ich daher bald mal einen eigenen Beitrag. Zumal wir die alle mögen.

Schwieriger gestaltet sich die Sache mit dem Gemüse. Und das ist auch ein Grund dafür, warum ich mit vielen vegetarischen Rezepten so meine Probleme bekomme, wenn ich für die ganze Familie koche. Ich habe gerade noch einmal auf einem Saisonkalender für Gemüse nachgeschaut und muss mich loben: Ich mag wirklich bis auf Staudensellerie und Rettich alles. Das gilt aber leider nicht für den überwiegenden Rest der Familie, vor allem nicht für die Kinder. Also scheiden schon einmal von vorneherein viele Gerichte aus oder es ist echte Überredungs- bzw. Verpackungskunst gefragt. Letztere hilft aber auch nicht immer, wie z. B. beim Wirsingstrudel.

Wer auf Fleisch verzichtet, muss mehr Gemüse essen

Deshalb verfolge ich gerade auch mit großem Interesse, wie sich meine Kollegin Julia Güttes durch diverse Kochbücher für Familien arbeitet und dabei auch allerlei Gemüse auf den Tisch bringt. Allerdings sind ihre Kinder noch kleiner und vielleicht noch nicht so wählerisch wie meine. Aber unser kleines Experiment hat ganz deutlich gezeigt: Auch, wer nicht so ein Gemüsefan ist wie ich, lässt sich mehr darauf ein, wenn die Fleischkomponente fehlt. Auf einmal geht der Spitzkohl als Bestandteil des Wokgemüses dann doch und Rot- oder Rosenkohl werden zumindest mutig probiert.

Jedenfalls haben wir in diesen Wochen vor Ostern deutlich mehr Neues ausprobiert als sonst – mit und ohne Rezept. Und ich kann mir gut vorstellen, irgendwann einen zweiten Versuch zu starten. Dann mit noch mehr Zeit und Lust, mich in das Thema einzufühlen und kreativ zu kochen. Trotzdem geht es jetzt für uns erstmal bio-flexitarisch weiter. Ganz pragmatisch auch deshalb, weil das in einer Familie, in der nicht alle vegetarische Ambitionen haben, die einfachere Lösung ist. Meine Bewunderung für die laut Vegetarierbund rund 8 Millionen Vegetarier in Deutschland (ganz zu schweigen von den fast 1 Mio Veganern) ist jedenfalls deutlich gestiegen. Bis ich vielleicht irgendwann dazu gehöre, nehme ich hier von erfahrenen VegetarierInnen gerne ihre ultimativen Praxistipps entgegen.